Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

10. Sonstige Handlungen aus Gewissensgründen
10.2. Rechtsprechung
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Gericht: BVerfG 2. Senat
Datum: 1972-04-11
Az: 2 BvR 75/71

1. Der ohne Anrufung Gottes geleistete Eid hat nach der Vorstellung des Verfassungsgebers keinen religiösen oder in anderer Weise transzendenten Bezug. Eine Glaubensüberzeugung, die auch den ohne Anrufung Gottes geleisteten Zeugeneid aus religiösen Gründen ablehnt, wird durch GG Art 4 Abs 1 geschützt. StPO § 70 Abs 1 ist verfassungskonform dahin auszulegen, daß als "gesetzlicher Grund", der zur Verweigerung des Eides berechtigt, auch das Grundrecht der Glaubensfreiheit aus GG Art 4 Abs 1 in Betracht kommt.

2. Eine Glaubensüberzeugung, die jeden Eid, also auch den ohne Anrufung Gottes in sogenannter "weltlicher" Form geleisteten Zeugeneid, als religiös bezogene und deshalb durch göttlichen Spruch verbotene Handlung ansieht, genießt den Schutz des Grundrechts der Glaubensfreiheit gemäß GG Art 4 Abs 1. [amtl. Leitsatz]

Fundstelle
BVerfGE 33, 23-42
NJW 1972, 1183-1187
JuS 1972, 532-533
DÖV 1972, 565-567
DVBl 1972, 857-862

Entscheidungsbesprechungen:

Peters, Karl, JZ 1972, 515-521
Weber, Hermann, JuS 1972, 532-533
Schlotheim, von, DRiZ 1972, 391-392
Nägel, Heinrich, JR 1972, 413-414
Schultz, Günther, MDR 1973, 20-21
Engelmann, Klaus, MDR 1973, 365-368
Ebert, Udo, JR 1973, 397-406

Stolleis, Nichael, JuS 1974, 770-775