Inhaltsliste
!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN" "http://www.w3.org/TR/html4/loose.dtd"> Datenbank Gewissensfreiheit 0.4.003
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

1. Gewissensfreiheit allgemein
0.4 Psychologische Literatur
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Wolfgang Bergmann:
Abschied vom Gewissen
Die Seele in der digitalen Welt
Asendorf [MUT-Verlag] 2000

Inhaltsverzeichnis
I. Zur Einführung
1. Fragen und Methoden
2. Phantastisches, ganz nah
3. Pädagogen ratlos
4. Im Nebel wandern

II. Die Phänomene
5. Die Risiken des Ich im Internet
6. Ich und Ich - und wer ist sonst noch da?
7. Ich werde, was ich kommuniziere.
8. Ein Streifzug, Chatte mal wieder ...
9. Sozialkulturelle Aspekte
10. Von Spielen, Träumen und Nixen
11. Ergänzungen, Bildmaschine und Psyche
12. Über Mario, das Böse und Regenbögen. Gespräch mit einem Kind.

III. Die Psychoanalyse
13. Vorbemerkung. Narziß und sein Sommernachtstraum.
14. Narzißmus - Begriff und Beschreibung
15. Im Schlaraffenland der Seele
16. Narzißmus und Destruktion
17. Von Mythen und Göttern und digitalen Spielen
18. Skills und thrills

IV. Die Konsequenzen. Das Ende des Gewissens
19. Warum das Gewissen verstummt
20. Das Gesetz und das "Nein"
21. Wo Cyberspace ist, kann kein Gewissen sein. Beispiele

V. Nachbemerkungen
22. Am Rande der Vernunft
23. Bitte vorsichtig eintreten ...

Zur Person des Autors

Nachstehend werden Auszüge aus Teil IV wörtlich wiedergegeben:

Das arme Ich - es ist in der Psychoanalyse wie zuvor bei Nietzsche und Schopenhauer eine wenig beeindruckende Instanz. Es duckt sich immerzu, einmal nach außen, dann wieder nach innen. Es ist eben keineswegs stabil, es hat keine kräftige Struktur. Es bewegt sich immer nur zwischen alternierenden Ansprüchen hin und her, folgt einmal den narzißtischen Wünschen, gehorcht dann wieder den Realitätsanforderungen, ist mal der Objektwelt zu Diensten, dann wieder den Phantasien. ... (S. 175) Keine seelische Kraft aus eigener Substanz, vielmehr ein Abschwächungsmechanismus, der unaufhörlich in Gang ist: Zuviel Realitätsanforderung erträgt es nicht, es entzieht sich, flieht in den Schlaf und in Träume. Aber zuviel Traum und Tagtraum und Phantasieleben erträgt es auch nicht, dann flüchtet es sich zu den stabilen Ordnungen der Realität, der Normen, der Bindungen und Werte. ... (S. 175f.)

Das Ich-Ideal - ...- neigt dazu, nein, arbeitet unaufhörlich daran, die Integrität des Ich zu zerstören. Nun hat das Gewissen die Aufgabe, das Realitätsprinzip gewissermaßen mit aller Macht in der Seele zu verankern, festzuzurren, damit das arme Ich mit seiner kleinen Vernunft und fragilen Objektbezogenheit sich auf diese "Instanz" stützen, sich in seinem Wirkungsschatten sichern kann. (S. 176f.) Denn die mächtigen primären und destruktiven Wünsche zerren an der Bedeutung, die die Realität im Seelischen beansprucht. Andererseits droht, wenn sich die Triebstrebungen ungehindert auslebten und von Vernunft und Objektbindungen ganz und gar losrissen, eine existenzgefährdende Erkrankung der Seele, ein ewig getriebenes, ruheloses und zielloses Wünschen im Wahnsinn. ... (S. 177)

Das Gewissen ... kennt keine Erfüllung, es kennt nur Pflicht und Leistung, Demut und Angst. Erfüllte Pflicht vermindert die Angst - das ist das Äußerste an Glück, das das Gewissen zuläßt. Deshalb nutzt die menschliche Seele jede Gelegenheit, um den Zwang des Gewissens zu umgehen und die Kraft der Gewissensinstanz zu schwächen. Eben diese Gelegenheit erhält sie durch die digitalen Medien und ihre Erlebnisräume. (S. 186)

Der ganze schwierige und schmerzliche Vorgang der Gewissensbildung hat, wie wir gesehen haben, eine zentrale Voraussetzung, nämlich die, daß es zwischen den narzißtischen Empfindungen und der Realität keine Chance der Integration oder auch nur des seelischen Nebeneinanders geben kann. Genau dieser Punkt hat sich mit den kontingenten Erfahrungswelten der Computerspiele und der digitalen Netze geändert. ... Jetzt sind Erlebnisse, Erfahrungen möglich geworden, die in Form und Inhalt den archetypischen Charakter des kindlichen Narzißmus abbilden. Es gibt eine Versöhnung von Selbstliebe und Realität, zumindest innerhalb dieser digitalen Apparate! Wo dies der Fall ist, hat die klassische Gewissensinstanz einen wesentlichen Teil ihrer Aufgabe, nämlich den Narzißmus ans Reale zurückzukoppeln, eingebüßt. (S. 186f.) ...

Die Computer-Spiele sind auf moralisch korrekte Inhalte nicht angelegt, sie nehmen insgesamt auf "Realitätsbezüge" keine Rücksicht. Sie verfolgen einzig dieses Ziel: die Selbstliebe mit phantasiereichen Bildern, Klängen, Aktionen zu füttern, vollzustopfen bis obenhin. (S. 187)...

Wo die Kooperation der digitalen Spiele mit den narzßtisch-frühkindlichen Bedürfnissen in ihrer archaischen Gestalt gelingt, da feiert die Seele ein fest der ungehemmten Selbstliebe und will sich dabei von nichts und niemandem (erst recht von keinen Realitätsanforderungen, erst recht von keiner Gewissensstimme!) in ihrem versunkenen Glück stören und beeinträchtigen lassen. (S. 187) ... Wo Cyberspace ist, kann kein Gewissen sein. ... Was bedeutet diese psychische Entwicklung, die wir skizziert haben, in der sozialen Wirklichkeit? ..., daß soziale Verantwortung als verinnerlichte Qualität bei Kindern und Jugendlichen seltener wird ... Verlust eines stets abrufbaren, gleichbleibenden, eines verläßlichen Verantwortungsbewußtseins. ... Die Einbindung ins Soziale ist keine "zwingende" Bedingung persönlicher Stabilität mehr, insofern ist soziales Verhalten nicht dauerhaft, es muß jeweils neu austariert werden. (S. 190) ...

Ein Lehrer kann eine Klasse durchaus für ethisch motivierte Projekte begeistern ... Es ist aber ebensogut möglich, daß derselbe Lehrer bei denselben Kindern eine Woche später mit denselben Überzeugungen nur noch Gleichgültigkeit erntet. Die plötzliche Begeisterung entsprang offenkundig keinem verinnerlichten Wert-Orientierungen. ... der Eindruck, daß moralische Handlungen so etwas wie eine Selbststilisierung sind, ein Dekor, das benutzt wird, aber sofort weggeworfen, sobald sich ein anderes Dekor gefunden hat. ... (S. 191)

Erst recht ist Erfüllung moralisch-ethischer Normen keine Bedingung psychischen "Wohlgefühls" und damit verbundener Stabilität mehr. Moralisch-ethische Normen können ohne Einspruch des Gewissens verlassen werden. Genau dies hätte bei früheren Generationen zu einer vehementen Bedrohung der psychischen Integrität geführt. ... (S. 192)
Wo es, wie im Internet, kein bedeutungsvolles Gegenüber, kein Du, gibt, da gibt es auch keine Verantwortung. ... (S. 194)
Die Kinder ... vergessen ihre eigenen Gefühle. ... Lehrer wissen von Situationen zu berichten, in denen eine intensive Vertrautheit mit einem Kind gelungen war, eine von beiden Seiten beglückt erlebte Vertrautheit. Um so bestürzender die Erfahrung, daß am nächsten Tag oder zum nächsten Termin davon nichts mehr zu spüren ist ... (S. 195)
Es hat den Anschein, als gebe es in der Psyche von immer mehr Kindern und Jugendlichen keine seelische Instanz mehr, die Dauer stiftet, Beständigkeit ermöglicht, Gefühle und Versprechungen über den jeweils konkreten Augenblick hinausträgt und ihre Verbindlichkeit festigt. ... (S. 196)

[pt]

Siehe Auch Rezension im Rheinischen Merkur Nr. 9/2000