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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.4 Psychologische Literatur
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Dietrich Rüdiger
Der Beitrag der Psychologie zur Theorie des Gewissens und der Gewissensbildung (1968)
in: JJürgen Blühdorn (Hrsg.): Das Gewissen in der Diskussion(S. 461ff.)
Darmstadt ( WBG) 1. Aufl. 1976

Man kann vier Konzeptionen von Gewissen unterscheiden:

a) Das Vox-Dei-Gewissen
Dieses beruht auf der Vorstellung, daß dem Menschen im Gewissen ein überindividuelles Ordnungsprinzip gleichsam als Anruf vernehmbar wird, das als Stimme Gottes verstanden wird. (S. 462) Das Gewissen ist primär an den das Dasein transzendierenden Zielen menschlicher Selbstverwirklichung orientiert, nur sekundär an der Wahl der Mittel. Gewissensirrtümer betreffen die Wahl der Mittel, nicht aber die ethischen Ziele selbst. (S. 463)

b) Vernunftgewissen
Aus seiner autonomen Vernunft heraus bestimmt der Mensch sein Handeln (Kant). Darin erweist er sich als frei gegenüber seinen heteronomen Neigungen. Der Mensch selbst ist die Norm seiner Sittlichkeit. Es bleibt offen, inwieweit es zur Gewissensbildung noch außerindividueller sozialer Voraussetzungen und objektiver Ordnungen bedarf. Der Dualismus von Pflicht und Neigung ist psychologisch unhaltbar (S. 464) Ein Gewissen, das allen Neigungen antagonistisch gegenübersteht, führt zum Zerfall der menschlichen Ganzheit. Ein Ignorieren und Verdrängen elementarer Antriebe und Neigungen führt zur Neurose (S. 465)

c) Regelgewissen
Dies ist die Konzeption des soziologischen Determinismus, der sich auf ethnologische und milieupsychologische Befunde stützt (Emile Durkheim). Danach formen die tradierten Meinungen des Kollektivs das Gewissen der Einzelindividuen. Diese Konzeption kennt zwar im Gegensatz zu Kant eine tradierte Wertskala, jedoch kein autonomes Gewissen, denn der Mensch wird durch die Gesellschaft absolut geprägt. (S. 465f.) Es ist richtig, daß die Gefühls- und Urteilssphäre beim heranwachsenden Menschen in hohem Maße in diesem Sinne geprägt wird. Aber mit zunehmendem Alter wird diese heteronome Prägung durch aktive individuelle Selbstgestaltung ersetzt. Die Entwicklungspsychologie unterscheidet insoweit zwischen moralischen und ethischem Gewissen, wobei sich letztere in der autonomen sittlichen Entscheidung des Menschen konstituiert, während das moralische, heteronome Gewissen als Vorform des eigentlichen Gewissens zu verstehen ist. Hätte sich der Mensch stets immer nur dem Kollektiv angepaßt, wäre er niemals zum Kulturträger geworden. (S. 466)

d) Schuldgewissen
Dies ist die Konzeption Sigmund Freuds, wonach das Gewissen (Über-Ich) als moralische Gegenwehr gegen die primäre sexuell-libidinöse Triebhaftigkeit des Menschen fungiert. Bezüglich der Funktion der Abwehr von Triebansprüchen fällt hier die Ähnlichkeit zur Kantischen Pflichtethik auf, andererseits hinsichtlich der Gleichsetzung von Gewissen und heteronomer Verbotsmoral auch die Verwandtschaft zum soziologischen Determinismus. (S. 467)

Zusammenfassend läßt sich sagen: Das Gewissen ist ein Organ der Wertorientierung. Es ist eine Disposition im Werden und insofern abhängig von den Lebens-, Liebes- und Haltungsordnungen und -forderungen der Mitwelt, sekundär auch abhängig von persönlichen Ordnungskonflikten und Schulderlebnissen sowie einem individuell verfügbaren Wertwissen (S. 468)

Die Einheit von Gemüt und Gewissen ist der Integrationskern, der mit dem Selbst des Menschen identisch ist und der die bewußten oder vorbewußten Auseinandersetzung des Menschen mit der Welt imitiert.

Das Gemüt ist das Organ, das uns das Erlebnis des Vorhandenseins und des gegenseitigen Zusammengehörens mit Menschen und Dingen vermittelt, es ist die "Instanz der Ermöglichung überindividueller- d.h. von ichhaften Ansprüchen freien - Wertbindungen". (S. 469) Im Gemüt erlebt sich der Mensch - noch vor jeder Reflexion - einbezogen in die Sinneinheit der Welt. Gewissen ist demgegenüber die Instanz, die solche Bindung wissend bestätigt, übernimmt oder verwirft, d.h. die solche Bindung verantwortet und sich ihr verpflichtet weiß. Das Gewissen läßt mich erleben, daß ich mich mit einer Handlung außerhalb der bestehenden Sinnordnung der Welt gestellt habe und damit die Bahn meines eigenen Werdens hin auf eine höchste Sinngebung meines Daseins verlassen habe.

Die Gewissensfunktion selbst ist eine vorrationale Funktion. Es ist der Mahner, der uns anhält, die rechte Antwort zu suchen, aber noch nicht die Antwort selbst. (S. 470) Dem Gewissensphänomen liegt immer das permanente Bedürfnis des Individuums zugrunde, mit seiner Umwelt in Einklang zu gelangen. Voraussetzung dieses Harmoniebedürfnisses ist das Vertrauen, daß diese Mitwelt auch tatsächlich in Ordnung ist. (S. 473)

Das Gewissen regt sich nach folgendem Verlaufsschema:

  1. Ich vollziehe eine gewünschte Handlung (S. 474)
  2. Ein Gefühl sagt mir, daß ich mit dieser Handlung aus der Sinnordnung der Welt heraustrete und damit zugleich die Bahn meines Selbstwerdens verlasse.
  3. Dieses noch ganz unspezifische Gefühl hat seine Wurzel im Gemüt, dem Ort meiner vertrauenden Rückbindung an die Inhalte eines sinnvollen Daseins.
  4. Ich habe Schulderlebnisse, in denen
  5. die Konturen einer stimmigeren, d.h. der Sinnordnung der Welt besser entsprechenden Handlungsgestalt auftaucht, durch welche ich mit der Seinsordnung wieder in Einklang treten und die Bahn meiner Selbstwerdung wieder betreten kann.
  6. Durch Reflexion nimmt diese Handlungsgestalt konkrete Formen an,
  7. die ich dann verwirkliche,
  8. um dann das Erlebnis des guten Gewissens zu haben, d.h. des Einsseins des Ich mit seinem Ideal (S. 475).
  9. Solche Erlebnisse wirken sich dann gesinnungsbildend und haltungsstabilisierend aus. (S. 475)

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