Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.3 Geistesgeschichtliche Literatur
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Theo Kobusch
Die Entdeckung der Person
Metaphysik der Freiheit und modernes Menschenbild
Darmstadt ( WBG) 2. Aufl. 1997

Das Buch verfolgt die Tradition dessen, was der Autor "Metaphysik der Freiheit" nennt. Diese Metaphysik beschäftigt sich nicht wie die aristotelische Metaphysik mit dem Sein der Dinge, sondern mit der Seinsart des "moralischen Seins". Die Geschichte dieser Metaphysik beginnt erst im 13. Jahrhundert. Es ist die Geschichte der Idee der Freiheit des modernen Menschen, die hier als Freiheit der Person verstanden wird. Eine Person ist ein Wesen, das über Willensfreiheit verfügt und sich zu sich selbst verhalten und zu sich selbst Abstand gewinnen kann. (S. 19)

Die Geschichte dieser Idee wird beginnend mit Alexander von Hales im 13. Jahrhundert über die deutsche und die spanische Scholastik, Hugo Grotius, Samuel Pufendorf, die amerikanische und französische Verfassungsgeschichte, Rousseau, Kant, Hegel, die spekulative Ethik des 19. Jahrhunderts, die Existenzphilosophie bis zu Helmut Plessner verfolgt, um schließlich in einem Kapitel über den Begriff der Menschenwürde und einem kritisch ablehnenden Nachtrag zu dem Personbegriff der modernen Kybernetik und der Bioethik zu enden. Eingeschoben ist ein Kapitel über die Kritik dieser Metaphysik der Freiheit, für die Christian Thomasius, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche namhaft gemacht werden.

Die Geschichte der Idee des Gewissens und der Gewissensfreiheit wird dabei nicht behandelt. Das Gewissen scheint nach Kobusch keine Kategorie der Metaphysik der Freiheit zu sein. Nur im Zusammenhang mit Jean Jacques Rousseau kommt der Autor auch auf das Gewissen zu sprechen.

Nach Rousseau besteht das Wesen des Menschen in seinem sittlichen Sein, d.h. in seiner Freiheit, aber Freiheit meint im Gegensatz zur früheren Tradition der Metaphysik der Freiheit jetzt das In-Beziehung-Treten zu anderen Menschen, das gesellschaftliche Sein. Wahre Freiheit ist nicht die in sich selbst genügsame Unabhängigkeit des hommes sauvage, sondern die Beziehung zu anderer Freiheit, ist nicht die ungebundene Willkür, sondern die Bindung an das Gesetz. Diese These hat später Kant und Hegel im Innersten bestimmt. (S. 117)

Rousseau denkt den Menschen im Naturzustand als den autarken, isoliert lebenden Wilden. (S. 118) Sobald einer dieser Wilden aber von einem Stück Land sagen konnte: "Das ist mein" und dabei von den anderen respektiert wurde, war aus dem Menschen als Naturwesen das Freiheitswesen geworden. Diesem Übergang lagen die vermehrten Bedürfnisse der Menschen zugrunde. Diese Bedürfnisse brachten die Menschen zueinander in Beziehung. Doch diese Beziehung weckt auch Leidenschaften und führt zu Verfeindungen. So entsteht zusammen mit der Arbeitsteilung eine allgemeine gegenseitige Abhängigkeit und zugleich ein Konkurrenzdenken, das zu weiteren künstlichen Bedürfnissen und immer größerer Abhängigkeit führt. (S. 119)

Solange der Mensch Privatperson - bourgeois - bleibt, sind die Beziehungen, in denen er mit seinesgleichen lebt, durch Selbstsucht (amour propre) gekennzeichnet. (S.120) Da die privatinteressen unvermittelt aufeinanderprallen, muß, wenn Chaos und Anarchie vermieden werden sollen, künstlich eine gesellschaftliche Organisation errichtet werden. Diese ist nur möglich, wenn und weil in den verschiedenen konkurrierenden Privatinteressen auch ein gemeinsames Interesse liegt. Der Gemeinwille ist der auf das Allgemeine gerichtete Wollen der vielen einzelnen Glieder einer Gemeinschaft. Insofern die volonté générale der Wille des Staates als politischem Körper ist, der auf das Gute im allgemeinen gerichtet ist, wird der Staat zur persona moralis, dem somit dieselben Eigentümlichkeiten zukommen wie den ihn konstituierenden Einzelpersonen. (S. 121f.)

Im Gegensatz zur Tradition kann nach Rousseau ein Individuum niemals persona moralis sein. Moralische Person ist immer nur ein Gemeinwille. Nur dieser kann sittlich sein, weil er die individuellen Egoismen aufhebt. (S. 123f.)

Insbesondere die deutsche Rousseau-Forschung vertritt die Auffassung, daß Rousseau in seinem Émile oder über die Erziehung (1762) die voloné générale in die Innerlichkeit des individuellen Gewissens zurücknimmt. Richtig ist, daß das 4. und 5. Buch des Émile geradezu hymnenartige Äußerungen über das Gewissen enthält. Doch kann dies nach Kobusch nicht als resignativer Rückzug aus der depravierten gesellschaftlichen Wirklichkeit verstanden werden. Vielmehr entwickelt sich das Gewissen des Individuum analog oder parallel zur volonté générale der Gesellschaft. Diese stellt die objektive Freiheit dar, das Gewissen die subjektive. (S. 127) Das Gewissen ist das praktische subjektive Prinzip des Wollens. Das Gewissen sagt, was man hier und jetzt tun soll. Die volonté générale hat dagegen keine besondere Handlung zum Gegenstand. Das Gewissen bleibt deshalb immer auf die volonté générale als der amour de l'ordre bezogen. Die Gewissenslehre Rousseaus ist deshalb weit davon entfernt, die Emigration aus der Gesellschaft zu proklamieren. (S. 128)