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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.3 Geistesgeschichtliche Literatur

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William J. Hoye
Die Wahrheit des Irrtums
Das Gewissen als Individualitätsprinzip in der Ethik des Thomas von Aquin
in: Jan A. Aertsen / Andreas Speer, Individuum und Individualität im Mittelalter
Berlin/New York ( Walter de Gruyter) 1. Aufl. 1996 S. 419ff

Gewissensfreiheit verliert ihre Relevanz in einer politischen Gesellschaft, wenn das irrende Gewissen nicht im Vordergrund steht. (S. 419) Auch ein irrendes Gewissen hat Wahrheit, wenn auch keine objektive Wahrheit, die für alle Menschen gültig ist, sondern nur eine Wahrheit, die für das Individuum gültig ist. Für Thomas v. Aquin ist das Gewissen, ob wahr oder irrig, immer verpflichtend, so daß, wer gegen sein Gewissen handelt, immer sündigt (vgl. Quaestiones quodlibetales III, q. 12,a. 2c). (S. 421) Das gilt selbst dann, wenn die vom Gewissen befohlene Handlung im Widerspruch zu den Weisungen einer anerkannten Autorität steht und obwohl der Christ sich nach Röm 13,1 der Obrigkeit unterzuordnen hat. Selbst wenn also die legitime Gewalt objektiv im Recht ist, muß der Einzelne nach Thomas dem Gewissen gehorchen, denn dessen Autorität ist immer höher als die eines Vorgesetzten. Denn im Gewissen erfährt der Mensch unmittelbar das Gebot Gottes und dessen Gebot geht der einer anderen Autorität immer vor. (de veritate q. 17, a. 5c). (S. 421)

Nach Thomas ist ein irrendes Gewissen nicht lediglich ein Entschuldigungsgrund. Im Falle eines irrenden Gewissens ist es einem nicht nur erlaubt, das Falsche zu tun, man ist sogar dazu verpflichtet. Und dies selbst dann, wenn der Irrtum selbst verschuldet ist. (De veritate, q 17, a. 4, ad 4). Insoweit geht Thomas über die von der katholischen Kirche vertretene Ansicht hinaus, wonach nur ein schuldlos irrendes Gewissen binde. (S. 424)

Wenn das Gewissen die unmittelbare Stimme Gottes ist, wie ist es dann denkbar, daß es überhaupt irren kann? Angesichts dieser Frage hält beispielsweise Josef Ratzinger die Lehre Thomas' für "unerfindlich". Ratzinger wirft Thomas insoweit einen Widerspruch vor. Ratzinger meint, man müsse bei Thomas zwischen Bindungspflicht und Bildungspflicht unterscheiden. Auch das irrende Gewissen binde; aber es sei vorwerfbar, sich ein falsches Gewissen zu bilden.

Damit verkennt Ratzinger aber den Ansatz des Aquinaten und dessen eminent subjektive Position. Denn die Wahrheit des irrenden Gewissens besteht darin, daß der Verstand sein Urteil als von Gott abgeleitet begreift. Was Gott objektiv wirklich will, das ist nach Thomas ohnehin unbekannt und unerforschlich. Es ist nicht möglich, den Willen Gottes von der konkreten Vorschrift des Gewissens zu trennen. Was wir von Gottes Willen wissen, das wissen wir durch das Gewissen. Deshalb muß das Gewissen die letzte Instanz sein. Der Spruch des Gewissens ist das Ankommen [perventio] des Gebotes Gottes bei dem , der ein Gewissen hat. (de veritate, q 17, a. 4, ad 2) Selbst wenn er in Wirklichkeit falsch ist, muß er als Gesetz Gottes angesehen werden. Deshalb müssen wir nicht wollen und tun, was Gott will, sondern was Gott will, daß wir es wollen, d.h. was uns im Gewissen mitgeteilt ist. (S. 425)

Robert Spaemann kritisiert die Verabsolutierung des Gewissens durch Thomas etwas differenzierter. Er deutet Thomas dahingehend, daß dessen Lehre von der Bindung des irrenden Gewissens sich lediglich auf die Analyse der vorliegenden Tatsachen bezieht (ignorantia facti), nicht auf die sittlichen Normen selbst (ignorantia iuris). Täuscht sich das Gewissen über die bei gegebenem Tatbestand anzuwendende moralische Norm, so trage der Mensch stets die moralische Schuld für seine Entscheidung. (S. 425) Entscheidend für die sittliche Qualität einer Handlung ist nach Spaemann also nicht, ob eine Handlung mit dem Gewissen übereinstimmt, sondern ob sie mit dem göttlichen Sittengesetz übereinstimmt. (S. 426) Wäre es anders, so Spaemann, so wäre das Gewissen mit dem göttlichen Sittengesetz identisch. (S. 427)

Richtig ist, daß bei Thomas das Gewissen nicht als autonomer Schöpfer der sittlichen Normen gedacht wird. Es sucht diese vielmehr in der objektiven Realität, im Willen Gottes. Eine Gewissensentscheidung ist also eine Art Gehorsam gegenüber einer anderen Normquelle. Deshalb kann es überhaupt einen Irrtum des Gewissens geben. Es fällt auf, daß Spaemann zum Beleg für seine Thomas-Interpretation zwei Sed contra-Stellen und eine objectio heranzieht, also Stellen, die gerade nicht die eigene Meinung des Thomas widergeben. Außerdem erklärt Thomas in "De malo" ausdrücklich, daß das Gewissens nicht nur bezüglich der konkreten Umstände, sondern auch bezüglich der allgemeinen Norm irren kann (De malo, q.3,a 8c). (S. 427)

Thomas unterscheidet die sittliche Qualität des Willens und die der Handlung. Auch eine gewissensmäßige Handlung kann als solche schlecht sein. Insoweit unterscheidet er sich von Abaelard, für den allein die Intention über die sittliche Qualität entscheidet. Es kann nach Thomas also Verfehlungen geben, die keine Sünde sind. Tötet jemand einen Hirsch, obwohl er glaubt, seinen Vater zu töten, so begeht er Vatermord. Tötet er den Vater in dem Glauben, einen Hirsch zu töten, ist ist er frei von dem Verbrechen des Vatermordes. (S. 428)

Objektive Wahrheit in der konkreten Entscheidungssituation ist zwar das angestrebte Ziel des Gewissens wie auch des guten Menschen, aber die Moralität, d.h. der Charakter des Willens hängt nicht vom tatsächlichen Erfolg dieser Suche nach Wahrheit ab, sondern von der Reinheit des Suchens selbst, also von der Wahrhaftigkeit. (S. 430)
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