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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.3 Geistesgeschichtliche Literatur
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Kurt Bayertz
Eine kurze Geschichte der Herkunft der Verantwortung
in: ders. (Hrsg.): Verantwortung. Prinzip oder Problem?
Darmstadt ( WBG) 1. Aufl. 1995

Die Idee der Verantwortung ist die spezifische Lösung, die sich in der europäischen Gesellschaft für das Problem der Zurechnung herausgebildet hat. Was wem zugerechnet wird, ergibt sich nicht aus der Natur der Sache. Zurechnung beruht vielmehr auf einer sozialen Konstruktion. Unter verschiedenen Bedingungen sind verschiedene konstruktive Lösungen dieses Problems möglich und ggf. sogar notwendig. Die Wandlungen des Verantwortungsbegriffs in den letzten zweihundert Jahren lassen sich auf Wandlungen in der Struktur und Reichweite menschlichen Handels zurückführen. Konstitutiv für spezifische Lösungen des Zurechnungsproblems sind neben empirischen Bedingungen auch bestimmte philosophische Annahmen, darunter vor allem die Idee der menschlichen Freiheit und Autonomie. Mit dem Verzicht auf diese Annahmen wird die Idee der Verantwortung nicht weiterentwickelt, sondern verabschiedet. (S. 4)

Was heute mit dem Terminus "Verantwortung" angesprochen wird, wird in der Tradition des moralischen Denkens unter den Begriff der Schuld subsumiert. (S. 5) Schuld bezieht sich auf die Zurechnung schlimmer Handlungsfolgen. Auch nach dem "klassischen Modell" der Verantwortung fungiert dieser Begriff nur zum Zwecke der Zurechnung schlechter Folgen. Jemand wird nicht für die guten Folgen seiner Handlungen zur Verantwortung gezogen oder verantwortlich gemacht, sondern nur für die schlechten. (S. 6)

In das klassische Modell der Verantwortung gehen drei Elemente ein, nämlich 1. die Tatsache eines Schadens, 2. die subjektiven Faktoren der Intentionalität, des Vorauswissens der Folgen und der Freiheit, auch anders handeln zu können, sowie 3. ein System von Normen und Werten. (S. 14f.)

Indem Verantwortung die Fähigkeit voraussetzt, auch anders entscheiden zu können, beruht sie auf der Annahme der Willensfreiheit. Die Idee der Willensfreiheit, die diesem Konzept zugrundeliegt, ist in der Philosophiegeschichte immer wieder in Frage gestellt worden, etwa von Nietzsche (S. 11). Doch die These von der vollständigen Determiniertheit menschlicher Handlungen wird in der sozialen Praxis nicht akzeptiert. Wir behandeln unsere Mitmenschen nicht so als ob sie vollständig determiniert wären, sondern so, als ob sie einen freien Willen besäßen. Es wird auch gesellschaftlich nicht akzeptiert, wenn sich jemand für seine Handlungen entschuldigen will, indem er auf seine Determiniertheit verweist. Diese soziale Praxis zeigt, daß Freiheit kein rein empirisches, sondern ein normatives Prädikat ist. Mehr noch: Wie die Vorstellung des fahrlässigen Handelns zeigt, gehen wir nicht nur davon aus, daß Menschen frei handeln können, sondern fordern es auch von ihnen. Deshalb ist nicht exkulpiert, wer durch mangelnde Aufmerksamkeit Folgen ausgelöst hat, die er bei hinreichender Aufmerksamkeit hätte vermeiden können. Die Annahme der Willensfreiheit ist einerseits ein Ideal (wir wünschen, daß der Mensch kein bewußtloser Automat sei) und andererseits ein praktisches Bedürfnis, um Handlungen und ihre Folgen zurechnen zu können. (S. 12)

"Verantwortung" kommt von "Antwort geben". Eine Antwort setzt eine Frage voraus. Deshalb kann man nicht einfach verantwortlich sein, man wird vielmehr verantwortlich gemacht durch diejenigen, die die Frage stellen. , d.h. durch diejenigen, die mich für mein Handeln zur Rede stellen und erwarten, daß ich antworten kann, indem ich mich rechtfertige. Weil die Art der Antwort eine Rechtfertigung ist, ist klar, warum man nach dem klassischen Modell weder für neutrale Folgen, also solche, die gesellschaftlich nicht wertbesetzt sind, noch für gute Folgen verantwortlich gemacht wird. Diese dialogische Dimension des Verantwortungsbegriffs fehlt dem Begriff der Schuld. (S. 16)

Durch zwei Jahrtausende hat die Idee der christlichen Verantwortung das moralische Denken geprägt. Dies war eine Verantwortung vor Gott. Die Instanz, vor der diese Rechtfertigung zu geschehen hat, ist das Gewissen, das als Stimme Gottes zu den Menschen spricht. Noch bei Kant ist das Gewissen der verinnerlichte Gott. Als Verantwortung vor dem eigenen Gewissen ist der Verantwortungsbegriff verinnerlicht. Die soziale Funktion von Verantwortungszuschreibung wird damit marginalisiert. Indem Verantwortung auf Selbstverantwortung reduziert wird, schmilzt das Geflecht des vierfachen Bezuges zwischen Subjekt, Objekt, Instanz und Normsystem (Jemand wird für etwas vor einer Instanz in Bezug auf eine Norm verantwortlich gemacht) auf den einen Punkt des individuellen Gewissens zusammen. Das Subjekt übernmimmt die Rolle aller anderen Rollen mit. Im klassischen Verständnis tritt das Individuum vor sich selbst (d.h. sein Gewissen), um sich für sein Handeln zu rechtfertigen; das Gewissen entscheidet nach Maßgabe von Normen, die es - aufgrund seiner Autonomie - selbst erzeugt hat. Es ist Angeklagter, Richter und Gesetzgeber zugleich. (S. 19)

Verantwortlich sind wir nicht durch die Natur der Sache, sondern wir werden in bestimmten sozialen Kontexten verantwortlich gemacht. Verantwortung ist das Ergebnis einer sozialen Konstruktion und nicht das Ergebnis ontologischer Gegebenheiten. Das ergibt sich schon daraus, daß Handlungen kein naturhaftes Geschehen sind. Was eine menschliche Handlung ist, wo sie ihren Anfang nimmt und ihr Ende, ergibt sich nicht allein aus deskriptiv erfaßbaren Tatsachen, sondern aus der Art und Weise, wie sie wahrgenommen und gedeutet werden. Die Beschreibnung und Deutung ist dabei oft auf die Zuschreibung von Verantwortung bezogen. Eine menschliche Handlung ist, wofür Verantwortung übernommen werden kann.

Auch Handlungsfreiheit ist keine empirisch feststellbare Tatsache, sondern eine Eigenschaft, die den Subjekten unterstellt wird. Wir gehen davon aus, daß Menschen in der Regel frei handeln und legen ihnen die Beweislast für das Gegenteil auf. (S. 21)

Das Konzept der Verantwortung ergibt sich aus dem Bedürfnis, für negativ bewertete Folgen einen Schuldigen zu benennen. Die Frage nach der Verantwortung ist dabei nicht einfach identisch mit der nach dem Urheber, denn als solcher könnten auch die Urgroßeltern des Tärters gelten. Täter heißt nach Schlick vielmehr nur derjenige, an dem die Motive hätten einsetzen müssen, um die Tat sicher zu verhindern oder hervorzurufen. In diesem Sinne ist Verantwortung ein Mechanismus zur Steuerung des menschlichen Verhaltens. (S. 23) Verantwortung wird den Subjekten von anderen Subjekten auferlegt. (S. 24)

Der Aufsteig des Verantwortungsbegriffs zu einer ethischen Zentralkategorie verdankt sich dem Umstand, daß der technische Forrtschritt und die seit dem 19. Jahrhundert einsetzende Ausdifferenzierung der Arbeitsteilung zu einem Bereich menschlichen Handels geführt hat, für den der klassische Modell der Zurechnung unzureichend ist. Die genannten Entwicklungen erschweren die Zurechnung von Handlungsfolgen zu bestimmten Individuen oder machen sie gar unmöglich. Es besteht zunehmend weniger eine direkte und lineare Beziehung zwischen dem Akteur und der von ihm hervorgebrachten Folgen. (S. 25) Katastrophen durch technische Unfälle sind nicht mehr einem bestimmten Individuum zuzurechen. Sie passieren von selbst und werden von niemandem gewollt. Es handelt sich um ein Systemversagen. (S. 28) Es geht also um die Frage, wie Schädigungen zugerechnet werden können, die nicht mehr in eindeutiger Weise als kausale Folgen menschlichen Handelns interpretierbar sind. (S. 28) Diese Frage wurde unter Heranziehung und Verallgemeinerung der traditionellen Rechtsfigur der Tierhalterhaftung mit dem Modell der Gefährdungshaftung für gefährliche technische Anlagen beantwortet. Bei der Gefährdungshaftung geht es nicht mehr darum, ob eine bestimmte Folge von einer Handlung intendiert war, sondern nur, ob sie tatsächlich eingetreten ist. (S. 29)

Die Arbeitsteilung führt zu einem Netzwerk kooperativer Beziehungen. Aus dieser ergibt sich, wie Durkheim sagt, eine Art organischer Solidarität, so daß die bis dahin partikulare Gesellschaft zu einem Gesamtorganismus zusammenwächst. Ein Ergebnis dieser Arbeitsteilung ist, daß der Anteil des einzelnen Individuums am Ergebnis des Arbeitsprozesses immer marginaler wird. (S. 30) Handlungssubjekt, dem ein Erfolg zuzurechnen ist, ist nicht mehr ein bestimmtes Individuum, sondern ein Systerm von Individuen. Versagen solche Systeme, dann handelt es sich um ein Organisationsversagen, das niemandem persönlich zugerechnet werden kann. (S. 31)

Diese Situation führte zu einem neuen Verantwortungsbegriff. Dieser bezieht sich jetzt nicht mehr nur auf negative Folgen, sondern auf positive Zustände. Verantwortung in diesem Sinne trägt, wer Sorge für das Vermeiden von Organisationsversagen zu tragen hat. Zugerechnet werden nicht mehr Handlungsfolgen, sondern Aufgaben oder Verpflichtungen. (S. 32) Verantwortlich für einen bestimmten Zustand kann allerdings nur sein, wer kausalen Einfluß nehmen kann und wer in einer spezifischen normativ relevanten Beziehung zu der Sache steht und von daher die Aufgabe erfüllen soll. (S. 33) Wie einer solchen Verantwortung nachzukommen ist, bleibt grundsätzlich offen. Es ist nicht möglich, einen Pflichtenkatalog aufzustellen, weil die Ursachen für ein Scheitern des jeweiligen Projekts nicht übersehbar sind. Verantwortungsvolle Aufgaben sind gerade solche, für die es keine erprobten Routinen gibt. (S. 34)

Die Verantwortung für eine bestimmte Aufgabe hat zunächst nur einen rein funktionalen Charakter und keinen moralischen Gehalt. (S. 35) Eine auf effizientes Funktionieren ausgerichtete Organisation überläßt die Bewertung des Handelns ihrer Mitglieder nicht deren Gewissen: verantwortlich sind diese vielmehr ihrem Vorgesetzten. Indem die Rechenschaft, die der Untergebene dem Vorgesetzten schuldet, Verantwortung genannt wird, erhält diese Verantwortung jedoch eine ethische Konnotation. Der Vorgesetzte erscheint dann unterschwellig als Repräsentant einer höheren Ordnung, die über die rechtliche Verbindlichkeit hinaus eine prinzipiell unabgrenzbare höhere Verbindlichkeit in Anspruch nimmt, wie Georg Picht festgestellt hat. Diese magische Kraft des Verantwortungsbegriffs hat ihre Wurzel in der Äquivokation des Verantwortungsbegriffs. Die speziellen Organisationsziele oder institutionellen Normen treten an die Stelle der moralischen Normen. Tatsächlich findet so eine Entmoralisierung des Verantwortungsbegriffs statt. (S. 35) Das "Rädchen im Getriebe" fungiert in einer Gesellschaft, in der alle Moral verschwunden und durch funktionale Verantwortung ersetzt ist.

Besonders nachhaltig geprägt wurde der moderne Verantwortungsbegriff im politischen Kontext. Als Indiz dafür kann auch Max Webers Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik gewertet werden, mit der der Verantwortungsbegriff entgültig in den Rang einer moralphilosophischen Kategorie erhoben wurde, während er im 18. Jahhundert nur eine juristische Kategorie war. (S. 40) Ein wichtiges Kennzeichen politischer Verantwortung ist ihre Unbestimmtheit. Aufgabe der Politik ist die Sicherung des Wohls des Bürgers und der Interessen des jeweiligen Volkes, doch bleibt unbestimmt, worin dieses Wohl und diese Interessen bestehen und es bleibt unbestimmt, mit welchen Mitteln sie erreicht werden sollen. (S. 41)

Mit dem Übergang von einem traditionalen moralischen Verantwortungsbegriff zu einem funktionalen wird die Vorstellung von einer inneren Rechtfertigung vor dem Gewissen oder vor Gott zunehmend unplausibel. Das individuelle Gewissen erscheint als zu privat, um als Rechtfertigungsinstanz für den Zustand der Organisation noch akzeptiert werden zu können. Als angemessener erscheint deshalb ein Konzept, das die Rechenschaft als einen öffentlichen Prozeß deutet: Handlungen, von denen potentiell alle betroffen sein können, müssen auch vor allen gerechtfertigt werden. Wie sich die Regierenden dem Urteil der Regierten stellen müssen, so muß sich jeder Handelnde vor der Gesellschft für die Folgen seines Handelns rechtfertigen. (S. 44)

Der Wandel des Verantwortungsbegriffs ist auch mit einem Wechsel der Zeitrichtung verbunden. Während der klassische Verantwortungsbegriff retrospektiv ist, ist der moderne Verantwortungsbegriff prospektiv. Man ist nicht mehr für vergangene negativ bewertete Taten verantwortlich, sondern für künftige positiv bewertete Zustände. (S. 45)

Wenn es darum geht, einen Zustand aufrechtzuerhalten, dann treten Unterlassungen gleichberechtigt neben Handlungen. Es geht nicht mehr nur um die Folgen meiner Handlungen, sondern auch um die Folgen meiner Unterlassungen. Daran zeigt sich noch einmal deutlich, daß es sich bei den hier relevanten Begriffen nicht um naturhafte Entitäten handelt, sondern um soziale Konstruktionen. Denn was eine Unterlassung ist, wird erst aus den sich einstellenden Folgen rekontruiert.

Aus verantwortungsethischer Sicht kommt es ausschließlich auf die Folgen einer Handlung an, nicht auf die guten oder schlechten Absichten. Der Utilitarismus ist die klarste Ausprägung dieses Typs ethischer Theorien. (S. 47)

Gefahren sind Situationen, bei denen unsicher ist, ob ein Schaden entsteht, wobei der Schaden, wenn er entsteht, der Umwelt zugerechnet wird. Risiken sind Situationen, bei denen der Schaden, wenn er eintritt, der Entscheidung zugerechnet wird, durch die die riskante Situation hergestellt wurde. Gefahren ist man ausgesetzt, Risiken geht man ein. (S. 49)

Wir leben heute in einer Welt, in denen Risiken durch die gegenseitige Verstärkung von Einzelhandlungen entstehen, die jede für sich kein Risiko hervorrufen. In dieser Situation ist individuelle Zurechnung nicht mehr möglich. Denn das Subjekt der einzelnen Handlung löst den Schaden nicht aus und kann ihn durch alternatives Handeln auch nicht vermeiden. Die Handlungsfolgen können dann nur noch dem arbeitsteiligen Gesamtsubjekt zugerechnet werden, aber keinem Individuum mehr. Allenfalls lassen sich Folgen individuell zurechnen, wenn sie darauf beruhen, daß Individuen ihre Aufgabe innerhalb der Organisation nicht richtig wahrgenommen haben. Viele Risiken und Schäden sind jedoch gerade Folgen unorganisierten Zusammenwirkens einer großen Zahl von Individuen und Orgnaisationen. Das Ozonloch etwa ergibt sich nicht aus der organisierten Zusammenarbeit von Individuen, die genau dieses Ziel anstreben, bzw. genau das gegenteilige Ziel anstreben, sondern aus dem Zusammenwirken von Einzelhandlungen, die ganz andere Ziele anstreben. Eine kausale Zurechnung solcher globalen Effekte auf indivudielle Handlungen ist aber nicht möglich. Das hat das Verschwinden jeder Verantwortung zur Folge. Um dem entgegenzuwirken, gibt es Versuche einer Neurekonstruktion des Verantwortungsbegriffs.

Diese Konzepte rücken von der Zurechnung auf Individuen ab und suchen nach irgendeiner Form von Kollektivverantwortung. (S. 54) Doch wenn auf diese Weise "die Menschheit" zum Verantwortungssubjekt stilisiert wird, bedeutet das im Ergebnis, daß niemand mehr die Verantwortung trägt. Denn dieses Scheinsubjekt besitzt keine kausale Handlungsmacht und keine Intentionalität und kann daher auch nicht verantwortlich sein. (S. 55)

Denkbar ist dagegen eine Verpflichtung jedes einzelnen Menschen gegenüber der Natur auch ohne Handlungsmacht im Hinblick auf die lebensbedrohlichen globalen Risiken. Wenn die Natur selbst einen Abwehranspruch gegen tendentiell schädigendes Verhalten gegenüber jedermann hätte, käme es nicht darauf an, ob der einzelne Handelnde durch sein Verhalten globale Effekte vermeiden könnte oder nicht. Ein solcher Anspruch der Natur gegenüber jedermann läßt sich entweder aus einer Art freiwilliger Selbstverpflichtung des einzelnen Handlungssubjekts ableiten oder abner aus einem der Natur von Natur aus, also aus ontologischen Gründen innewohnendes Recht. Hans Jonas und die in seiner Tradition stehende Umweltethik sieht jedoch für eine Selbstverpflichtung keine Chance, weil Menschen freiwillig sich nur durch ihre eigenen egoistischen Interessen motivieren lassen. Eine Verhaltensänderung ist daher für viele Umweltethiker nur zu erwarten, wenn sich wieder die Übrzeugung durchsetzt, daß die Natur ein eigenes Recht hat, aus dem sich ihr gegenüber eine Pflicht ergibt. Zwar würden damit zwei Grundideen der Moderne aufgegeben, nämlich die moralische Neutralität der Natur und die Autonomie des Menschen. (S. 57ff.) Gleichwohl hält Hans Jonas ein solches Umdenken im Interesse der Fortexistenz der Menschheit für notwendig. (S. 61f.) Letztlich sollen wir also bestimmte metaphysische Ideen nicht deshalb akzeptieren, weil sie wahr sind, sondern weil sie im Interesse des Überlebens der Menschheit liegen. Eine solche strategische Motivation macht das Eintreten für bestimmte metaphysische Positionen von vorneherein unglaubwürdig. Aus dem Sollen des Überlebens wird auf das Sein der Natur geschlossen, ein rückwärts gezogener "naturalistischer Fehlschluiß". (S. 64)

Jede Theorie der Verantwortung ist parasitär gegenüber einer Theorie der Moral. Sie lebt von moralischen Wertungen, die sie selbst nicht begründen kann. (S. 65) Deshalb kann eine Theorie der Verantwortung nicht mit einer Theorie der Moral zusammenfallen. Das aber versucht die Umweltethik mit ihrer Ontologisierung. (S. 66) Jede Theorie der Verantwortung hat die Aufgabe, Kriterien bereitzustellen, nach denen zu klären ist, wer wofür verantwortlich ist und wer es nicht ist. Das klassische Modell hatte solche Kriterien in der kausalen Urheberschaft, der Vorhersehbarkeit und der Vermeidbarkeit entwickelt. Für die prospektive Verantwortungstheorie gibt es ein solches allgemein anerkanntes Modell nicht. Zu verlangen ist aber auch hier eine Kausalbeziehung und eine moralische Verpflichtung, die derjenigen der Eltern gegenüber ihren Kindern vergleichbar ist. Diese Verpflichtung muß auf einem bestimmten Grund beruhen und auf einen begrenzbaren Bereich bezogen sein. Denn wo alle für alles verantwortlich sind, verliert die Rede von der Verantwortung jeden deutlichen Sinn, weil sie die Unterscheidung zwischen denen, die verantwortlich sind, und denen, die es nicht sind, nicht mehr erlaubt. Deshalb stärkt die Ontologisierung auch nicht das Konzept der Verantwortung, sondern schwächt es. (S. 67)[pt]