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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.3 Geistesgeschichtliche Literatur
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Anzenbacher, Arno
Wie autonom ist das thomanische Gewissen?
in: Wiener Jahrbuch für Philosophie 24 (1992), 179-192

Unter Gewissensautonomie verstehen wir im Anschluß an Kant folgenden Sachverhalt: Die im strikten Sinn moralische Qualität einer Handlung hängt ab von der moralischen Qualität des Willens, der die Handlung vollzieht. Die moralische Qualität des Handungswillens hängt davon ab, wie er sich zu dem verhält, was das subjektive Gewissen des Handelnden als geboten, verboten oder erlaubt vorstellt. Kein dem Gewissen äußerer Nomos kann von sich aus beanspruchen, Maßstab für die moralische Qualität einer Handlung zu sein, sondern nur der Nomos, den das Gewissen selbst dem Willen vorgibt. In diesem Sinne ist Gewissensgemäßheit die notwendige und hinreichende Bedingung dafür, daß eine Handlung bzw. ein Wille moralisch gut ist.
Die frühscholastische Entfaltung des Autonomiemotivs fand in der Ethik des Petrus Abaelardus (gest. 1142) seine konsequenteste Ausprägung. Die wirkungsgeschichtlich wichtigste Gegenposition vertrat Petrus Lombardus (gest. 1160), der die These vertrat, es gebe Handlungen, die in sich (per se), also unabhängig von der Gesinnung bzw. vom Willen des Handelnden, sündhaft sind. (S. 180) Während das Autonomiemotiv eine Tendenz in der Philosophie Augustins weitertreibt, dürfte das Vordringen des Per-se-Motivs darauf zurückzuführen sein, daß die kirchliche Buß- und Beichtpastoral des Mittelalters streng objektivistisch war. Der zweite Grund ist die Aristoteles-Rezeption. Denn für Aristoteles bestimmt sich das tugendhafte Handeln am vorgebenen Ethos der Polis und nicht am subjektiven Gewissen. (S. 185)
Thomas versuchte eine Kombination des Autonomiemotivs und des Per-se-Motivs mit Hilfe des Ignoranz-Motivs zu entwickeln. (S. 179)
Thomas bestimmt das Gewissen (conscientia) als Applikation eines Wissens auf eine (geplante oder vollzogene) Handlung mit dem Ziel der moralischen Stellungnahme. Dieses Wissen ist dreistufig. Es umfaßt 1. die synderesis, d.h. den natürlichen allgemeinmenschlichen Habitus der praktischen Vernunft, der die ersten moralischen Prinzipien umfaßt; 2. die sapientia, d.h. die Weisheit im Sinne der weltanschaulichen Grundeinstellung eines Menschen; 3. die scientia als den Habitus des empirischen Tatsachenwissens über die Umstände und Gegebenheiten der Handlungssituation. (S. 181) Die moralische Qualität des inneren Willensaktes hängt von dem ab, was der Wille im Handeln will, bezweckt, beabsichtigt, indentiert, bzw. was ihn motiviert. Eine Wille ist böse, wenn er das will, was aufgrund der Vorstellung der Vernunft böse ist. Thomas folgt insoweit also dem Autonomiemotiv. (S. 182) Auf die Frage, warum Gott den Menschen diese Autonomie zubilligt, gibt er zur Antwort, weil Gott die Selbstzweckhaftigkeit der individuellen Person will. (S. 184)
Das per-se-Motiv meint, daß es bestimmte Handlungstypen gibt, die unabhängig von der subjektiven Gesinnung an sich gut (z.B. Almosengeben, Krankenpflege, Gottesverehrung), böse (Mord, Ehebruch, Diebstahl) oder indifferent (Spazierengehen, Werkzeuge verwenden ect.) sind. Meist wird das Per-se-Motiv so vertreten, daß es die moralische Relevanz des Autonomiemotivs nicht ausschließt. Das gilt zum einen für die indifferenten Handungen, aber auch insoweit, als gute Handlungen durch eine böse Motivation böse werden können. (S. 184)
Thomas versucht das Autonomiemotiv und das Per-se-Motiv insofern miteinander zu verbinden, als er die Gewissensgemäßheit zwar zur notwendigen Bedingung moralischen Handelns erklärt, nicht aber zur hinreichenden. Hinzukommen muß noch, daß die Handlung auch objektiv gut ist. Falls also ein irrendes Gewissen die Unzucht gebietet, wäre die Unzucht dennoch unmoralisch. (S. 186) Thomas verstrickt sich bei dem Versuch der Verbindung beider Motive in Widersprüche. (S. 187) Seine Konzeption läßt die Situation der Perplexität zu: in dieser Situation kann der Handelnde tun, was er will, er handelt immer böse, weil er im Widerspurch zu dem per se Guten handelt. Handelt er konform dem per se Guten, aber gegen sein Gewissen, so ist es ebenso böse, wie wenn er gewissenskonform das objektiv Böse tut. (S. 187)
Nach dem Autonomiemotiv verpflichtet auch das irrende Gewissen. Thomas differenziert allerdings zwischen dem freiwilligen und der unfreiwillen Ignoranz und bei ersterer zwischen der vorsätzlichen und der fahrlässigen Unwissenheit. Vorsätzliche Unwissenheit liegt vor, wenn jemand gewisse Umstände gar nicht wissen will, damit er eine Entschuldigung für seine Handlung hat; fahrlässige Unwissenheit liegt vor, wenn jemand aus Nachlässigkeit sich nicht das nötige Wissen verschafft. Unfreiwillig ist die Unwissenheit, wenn sie nicht vermeidbar war. Thomas erkennt die unfreiwillige Unwissenheit als Entschuldigungsgrund an, während er bei freiwilliger Unwissenheit die Handlung als ebenso böse qualifiziert wie wenn sie wissentlich vorgenommen worden wäre. (S. 189) Er unterscheidet somit nicht zwischen der moralischen Qualität der Ignoranz und der moralischen Qualität der dadurch bedingten Handlung.
Ignoranz kommt für Thomas nur hinsichtlich der empirischen Umstände der Handlungssituation in Betracht, nicht hinsichtlich der Handlungsgrundsätze. (S. 190)
Das Per-se-Motiv ist auf der Sinnebene der Moralität prinzipiell verfehlt. Es gehört auf eine andere Sinnebene, nämlich der des Sittlich-Richtigen. Es ist eine andere Frage, ob eine Handlung moralisch gut ist oder ob sie sittlich richtig ist. (S. 191). Ersteres entscheidet das Gewissen, letzteres der ethische Diskurs. (S. 191) [pt]