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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.3 Geistesgeschichtliche Literatur
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Andersen, Henning
Odyssee des Gewissens
Die Entwicklung der freien Individualität von der Antike bis zur Gegenwart
Stuttgart [Urachhaus] 1. Aufl. 1992

Das Gewissen ist im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden und nicht schon immer mit dem Menschsein verbunden. Literarisch läßt sich der Gewissensbegriff zuerst bei den Griechen finden, und zwar in dem Drama Orestes des Euripides aus dem Jahre 408 v.Chr., Vers 396. Eine Spur findet sich auch in dessen Drama Medea aus dem Jahre 431 v.Chr., Vers 495 (S. 16)

A. erzählt dann sehr breit die Orestie-Trilogie des Aischylos nach. (S. 20ff) Im 3. Teil, den Eumeniden, wird deutlich, daß Orestes wegen des Inzests mit der Mutter und dem Mord am Vater keine Gewissensqualen erleidet, sondern nur Angst vor den Rachegöttinnen verspürt. "Er ist erschüttert, aber nicht über sich." (S. 34)

Das Werk des Euripides folgte dem des Aischylos um ein halbes Jahrhundert. Bei ihm wird das Tun nicht mehr nur von außen beurteilt und korrigiert. (S. 45) Der entscheidende Dialog - die Verse 395 - 397 in seinem Orestes lauten:

Melelaos: Was quält dich? Welche Krankheit richtet dich zugrunde?
Orestes: Gewissensnot: Ich bin der Untat mir bewußt.
Menelaos: Wie? Klug ist nur ein klares, nicht ein dunkles Wort

Die Übersetzung stammt von Dietrich Ebener. Wörtlich heißt Vers 396: "Das Bewußtsein darum, daß ich von mir selber aus weiß, etwas Schreckliches getan zu haben." Der griechische Text selbst lautet:
He synesis, hoti synoida dein' eirgasmenos.

Das Wort für Gewissen ist hier synesis, noch nicht syneidesis, welches später Träger für den Gewissensbegriff wird. Aber syneidesis ist durch das Verbum vertreten: synoida=Ich bin mir bewußt. (S. 53) Die Stelle zeigt, daß Euripides noch nicht auf einen Begriff für das Gemeinte zurückgreifen konnte. Die Reaktion des Menelaos zeigt zudem, daß auch die Umschreibung noch nicht allgemein begriffen wurde. Orestes antwortet darauf unter Rückgriff auf mythische Vorstellungen. (S. 54)

A. geht dann sehr breit auf die Odyssee ein und kommt zu dem Ergebnis, daß sich in der Geschichte des Odysseus zwar Vorgänge der Individualisierung abbilden, aber noch nicht der Begriff des Gewissens erreicht wird. Odysseus ist ein Mann des Übergangs von der alten zur neuen Existenzform. Er kann schon kraft eigenen Denkens eigene Entscheidungen treffen, aber er hat noch kein Gewissen, sondern erfährt den Maßstab des Handelns noch von den Göttern (S. 65), wobei er dem Konflikt zwischen Athene, der kopfgeborenen Göttin der Gedanken, und Poseidon, dem Gott des Unbewußten ausgesetzt ist. (S. 106)

Bei Homer begegnet man zwar dem Schamgefühl, aber noch nicht dem Gewissen. (S. 92)

Im zweiten Teil erörtert A. verschiedene Autoren hinsichtlich der Frage, ob das Gewissen entstanden ist oder schon immer mit dem Menschsein verbunden war. (S. 110ff) Sehr breit werden verschiedene Vorträge Rudolf Steiners dargestellt. (S. 118ff)

Das Daimonion des Sokrates ist noch kein fertig geformter Gewissensbegriff, denn er meldet sich nur, um Sokrates von etwas Falschem abzuhalten, nicht um zu etwas Gutem und Richtigen anzuhalten. Sokrates hielt die Tugend für lernbar. Sobald man erkannt hat, was richtig ist, wird man es auch tun. (S. 139) Dem steht die Einsicht des Paulus entgegen: Das Gute, das ich will, tue ich nicht, und das Böse, das ich nicht will, tue ich. (S. 141)

Die Bergpredigt deutet auf eine grundlegende Wendung zum Inneren des Menschen hin. An die Stelle äußerer Beeinflussung durch das Gesetz tritt die innere Lenkung durch das Ich. Mit dem Satz "Ich aber sage euch" ist kein neuer Gesetzgeber gemeint, sondern das eigene Ich: Das Ich aber sagt euch ... (S. 149)

Bei Paulus kommt der Gewissensbegriff, von Euripides schon benannt, aber noch von seiner Mitwelt unverstanden und ohne Begriff, zum begrifflichen Durchbruch. Er verdankt dies sicherlich seiner Herkunft aus Tarsos, einer Hochburg des Stoizismus seiner Zeit. (S. 188) Das Damaskusereignis ist eine Gewissenserfahrung. (S. 194) An 12 oder 14 Stellen wird in den paulinischen Briefen das Gewissen erwähnt, während es in den Evangelien überhaupt nicht vorkommt. Paulus' Gewissensbegriff ist rückwärts- und vorwärtsgewandt. (S. 207) Wichtige Fundstellen für den Gewissensbegrioff sind: Röm 9,1; 1 Kor. 9,16; Röm 2,14-15; Röm 13, 4-5)

Neu bei Paulus ist die Entdeckung des Gewissens des anderen und der Respekt von diesem fremden Gewissen. Er zeigt sich bei der Frage, ob es erlaubt ist, Opferfleisch zu essen. (1.Kor. 10,29, 2.Korr. 1,12 u. 4,2) Er erkennt an, daß sein Gewissen nicht für andere Individuen zum Maßstab werden kann. (S. 224)