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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.3 Geistesgeschichtliche Literatur
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Kittsteiner, Heinz D.

Die Entstehung des modernen Gewissens

Darmstadt (Lizenzausgabe WBG) 2. Aufl. 1992

Das deutsche Wort "Gewissen" ist eine Lehnübersetzung für den lateinischen Begriff "conscientia". Das althochdeutsche giwizzani taucht um die Jahrtausendwende in einer Glosse von Notker Teutonicus zum Psalm 68 v. 20 als Femininum auf; erst im Mittelhochdeutschen setzt sich das sächliche Geschlecht durch. Da der lateinische Begriff seinerseits als Lehnübersetzung des griechischen Wortes "syneidesis" gilt, ist eine etymologische Verwandtschaft festzuhalten. Die Präfixe syn-,con- und ge- haben eine soziative Funktion, so daß die nicht reflexive Grundbedeutung des Wortes das Mit-Wissen mit jemandem in einer Sache bezeichnet. Handelt es sich bei dem Gegenstand des Mitwissens um etwas Geheimes, kann das Mitwissen auch die Färbung einer Mitschuld annehmen. In der reflexiven Verwendung des Wortes bin ich selbst die Person, die etwas von mir mitweiß. Sittlich neutral meint dies dann einfach Selbstbewußtsein, gemeint sein kann aber auch eine moralische Selbstbeurteilung. (S. 18)

Von einem Gewissen kann man auch dort sprechen, wo der Begriff hierfür noch fehlt. In ihm drückt sich die sittliche Erfahrung aus, in der ein Akt des Wissens von einer Norm verbunden ist mit einem Gefühl der Unlust oder des Schmerzes in Folge einer Abweichung von den Regeln der Gemeinschaft. Verlagert sich der Akzent von einer öffentlichen Schande zu einer innerlich gefühlten Schuld, so tritt die Verurteilung auch dann ein, wenn andere von der Tat niemals etwas erfahren werden. Mit dieser Schulderfahrung hat sich aber die Vorstellung von einer überhöhten äußeren Instanz herausgebildet, die auch diesen inneren Bereich erfaßt. Furcht vor der Entdeckung durch Menschen mischt sich dann mit der Furcht vor der Entdeckung durch Gott, bzw., da diese Entdeckung sicher ist, mit der Furcht vor göttlicher Strafe (S. 19). Im Alten Testament gibt es keinen Begriff des Gewissens, aber die Vorstellung ist vorhanden, daß Gott zum Herzen des Menschen spricht. Das Gewissen ist also keine Stimme des Inneren, sondern ein auditives Phänomen, das die Stimme Gottes empfängt, der "auf Herz und Nieren prüft" (Vgl. Jeremia 11,20; Psalm 7,10). (S. 20) Das Gewissen ist danach also eine hörende Schicht der Seele, die auf Transzendenz ausgerichtet ist. Internalisierung des Gewissens ist immer mit der Aufklärung über die Götter verbunden. An der Schwelle zur Internalisierung steht das Daimonion des Sokrates. Grundlage einer individuellen Sittlichkeit wird das Gewissen aber erst um die Zeitenwende, etwa in der mittleren und jüngeren Stoa. Nach Seneca haben (41. Brief an Lucilius) haben wir einen Gott in uns eingewurzelt, der uns das Gesetz der göttlichen Vernunft erkennen läßt, dem zu folgen Glückseligkeit bedeutet. (S. 20) Hier ist die Wurzel des forensischen Modells des Gewissens zu suchen, das sich durch die abendländische Tradition bis Kant zieht. Das Gewissen eines durchschnittlichen Mitglieds einer Anstaltskirche ist jedoch kein Gewissen in diesem Sinne, sondern eine Bindung an von der Kirche vorgegebene Normen und der Vorsatz, an sie zu glauben und sie zu befolgen. (S. 21)

Die Geschichte der Kultivierung des Gewissens steht stets in der Spannung zwischen dem Gewissen der Folgsamkeit und dem Streben nach Autonomie. Zu beantworten sind dabei stets zwei Fragen: Wer setzt die Regeln für das Gewissen, und welche Mittel gibt es, die sicherstellen, daß den Normen auch Folge geleistet wird. (S. 22)

Der Autor verfolgt diese Geschichte des Gewissens in der Zeit zwischen der Reformation und dem Ende des 18. Jahrhunderts. pt