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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.3 Geistesgeschichtliche Literatur
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Iring Fetscher
Rousseaus politische Philosophie
Zur Geschichte des demokratischen Freiheitsbegriffs
Kapitel II: Rousseaus Menschenbild und seine Ethik (zu Rousseaus Gewissensbegriff)
Frankfurt [Suhrkamp] 6. Aufl. 1990

Während die Naturrechtslehre bei der Bestimmung des "Naturzustandes" von der (staatlichen) Gesellschaft abstrahieren und den Menschen mit Vernunft und Sprache ausstatten, behauptet Rousseau, daß Vernunft und Sprache die Gesellschaft bereits voraussetzen, weil sie erst durch das Zusammenleben der Menschen entstehen. (S. 62/63) Rousseau geht aber auch von einem Urzustand aus, der vor-gesellig ist und in denen die Menschen daher vernunft- und sprachlos sind. Vom Tier unterscheiden sich die Menschen in diesem Stadium nur durch ihre Freiheit, d.h. die Abgelöstheit von festen, instinktgesteuerten Bindungen. (S. 63) Der Naturmensch wird von seinem Selbsterhaltungstrieb, der Liebe zum eigenen Sein (amour de soi) gesteuert. Im Laufe seiner Entwicklung erfährt diese Selbstliebe eine grundlegende Wandlung. Aus der Selbstliebe wird Selbstsucht (amour-propre) mit ihrem Hang, die Ordnung der Natur zu zerstören. (S. 64)

Die Selbstliebe ist ein natürliches Gefühl. (S. 65) Sie geht auf in dem Wunsch und Streben nach physischer Selbsterhaltung. (S. 66) Selbstsucht ist dagegen Wille zur Macht, das Sich-in-den-Mittelpunkt-Stellen, Neid, Mißgunst, Haß. Die Selbstsucht ist ein künstliches Gefühl, das erst in und durch die Gesellschaft entsteht. (S. 70) Die anderen Menschen werden durch sie als Hindernis auf dem Weg zur eigenen Befriedigung wahrgenommen, weil sie dem eigenen Genuß aller gesellschaftlichen Erzeugnisse entgegenstehen. Neben diesem Bedürfnis nach materieller Befriedigung tritt im Gesellschaftszustand das Bedürfnis nach Anerkennung, nach Bestätigung der eigenen, unsicher gewordenen Selbsteinschätzung durch die anderen. Der Mensch verliert in der Gesellschaft das natürliche in sich ruhende Selbstgefühl, das auf Unabhängigkeit beruht. (S. 71) Der vergesellschaftete Mensch ist durch seine Integration in die Gesellschaft von dieser, d.h. von seinen Mitmenschen abhängig geworden. Die Selbstsucht hat das Ziel, aus dieser materiellen und der psychischen Abhängigkeit herauszukommen. Jeder versucht, auf Kosten aller anderen seine Unabhängigkeit zurückzuerobern. (S. 72) Aus diesem Streben gehen zugleich aber auch alle zivilisatorischen und kulturellen Entwicklungen hervor. (S. 73)

Es ist Aufgabe des Erziehers, das Streben nach Anerkennung und Besitz zum Ansatzpunkt für sittliche Erziehung zu machen. In gleicher Weise ist es Aufgabe des Gesetzgebers, den Menschen in seinem Streben nach Anerkennung auf patriotische und staatsbürgerliche Hochleistung zu richten. (S. 75)

Im Naturzustand wird die Selbstliebe durch das Mitleid, d.h. durch die angeborene Abneigung, ein fühlendes Wesen leiden zu sehen, begrenzt. Im Gesellschaftszustand muß diese Funktion von den Gesetzen, Sitten und Tugenden wahrgenommen werden. (S. 75) Das Mitleid des Naturzustandes bezog sich freilich auf einen sehr kleinen und engen Bereich von Mitwelt. In der Gesellscahft ist der Mensch in der Lage, den Kreis derer, mit denen er Mitleid haben kann, wesentlich zu erweitern. Allerdings erfolgt diese Ausweitung des Umfangs auf Kosten der Intensität. Deshalb ist Rousseau ein Befürworter des Kleinstaates. Nur in diesem können die Bürger noch ein hinreichend intensives Mitgefühl füreinander aufbringen. (S. 76/77)

Rousseau vertritt ein dualistisches Menschenbild. Der Mensch ist aus "zwei Sustanzen zusammengesetzt", die einerseits durch die Sinnenlust, die auf das Wohl des Leibes zielt, und andererseits durch die Liebe zur sittlichen Ordnung, die auf das Wohl der Seele gerichtet ist, repräsentiert wird. Letztere trägt im entwickelten Zustand den Namen Gewissen. Während die physische Selbstliebe durch die Integration des Individuums in die Gesellschaft denaturiert und dadurch zur Selbstsucht wird, entsteht das Gewissen überhaupt erst mit dem Erwachen des geistigen Selbstbewußtseins, das ohne Gesellschaft nicht denkbar ist. Das Subjekt dieser Liebe (amour d'ordre) muß gleichsam erst gebildet werden. (S. 80)

Rousseau unterscheidet zwischen zwei Arten der Vernunft, nämlich der instrumentellen Vernunft und der Vernunft als Einsicht in die schöne und objektiv vernünftige Ordnung, die, sobald sie erkannt ist, dank der auf sie bezogenen, dem Menschen eigenen Liebe auch geliebt wird. Während der Begriff der instrumentellen Vernunft ein Gedanke der Aufklärung ist, geht der andere Vernunftbegriff auf die Antike zurück. (S. 81/82) Gegen den aufklärerischen Vernunftbegriff wendet Rousseau ein, daß der Mensch keineswegs danach trachtet, zu tun, was für alle das zweckmäßigste wäre. Er glaubt auch nicht, daß die utilitaristische Verfolgung des Eigeninteresses immer schon zum Allgemeinwohl beiträgt, wie Adam Smith etwa meinte. Partikularwille und Gemeinwille schließen sich vielmehr aus. Die Gesetze der Gesellschaft sind ein Joch, das ein jeder sehr wohl den anderen aufzwingen, nicht aber selbst auf sich nehmen möchte. (S. 82)

Für die Naturrechtslehre (Pufendorf) war das Gewissen nichts anderes als das vernünftige Urteilsvermögen. Rousseau glaubt nicht, daß die vernünftige Einsicht das Handeln steuert. Die bloße Einsicht überwindet nicht die Leidenschaften. Der Naturmensch lebt in einer naiven Einheit mit der objektiven sittlichen Ordnung. Der zivilisierte Mensch, der aus dieser natürlichen Ordnung herausgefallen ist, muß sich bewußt und liebend auf diese Ordnung zurückbeziehen. (S. 83) Das Gewissen ist für Rousseau das Gefühl der Liebe zur sittlichen Ordnung. Das ist die Ordnung, in der sich der Einzelne auf ein "gemeinsames Zentrum" bezieht. Dieses bezeichet Rousseau an einer Stelle als "Dieu", es kann sich dabei aber auch um die staatliche Gemeinschaft, das Volk, der Gemeinwille oder die Republik handeln. Das sittliche Handeln ist also nicht Ausdruck eines angeborenen Altruismus, wie insbesondere die englischen Aufklärer annahmen, noch auch ein Akt reiner Selbstüberwindung, sondern ein Ausdruck der höheren Selbstliebe des "intérêt moral". Das Gute wird letztlich aus Interesse am eigenen Glück getan, denn nichts verschafft höhere Befriedigung als sittliches Handeln; es führt zur Zufriedenheit mit sich selbst. (S. 84/85) Zwar hält Rousseau ebenso wie Kant die Verheißung eines Lebens nach dem Tode für erforderlich, um die Gerechten in den Genuß der belohnenden Selbstzufriedenheit kommen zu lassen. Doch bedarf der Mensch, um den schädlichen Folgen des Sündenfalls entgegenzuwirken, keiner göttlichen Gnade. Denn der Gerechte erwirbt sich ein Recht auf Glück und diese Motivation verleiht ihm die Fähigkeit zu sittlichem Handeln. (S. 85)

Das Gewissen ist für Rousseau dem Menschen angeboren, es ist eine Disposition, die sich im Laufe der Geschichte der Vergesellschaftung entfaltet. Die vernünftige Einsicht in das sittlich Gute ist dagegen nicht angeboren, sondern erworben. Wie alle Erkenntnis geht sie letztlich aus den Sinneseindrücken hervor. Das Gute kennen heißt noch nicht, es auch zu lieben. Sobald er aber Einsicht in das Gute hat, veranlaßt ihn sein angeborenes Gewissen, es zu lieben. (S. 85)

Rousseau hat die Vorstellung von einer harmonischen Weltordnung, in der alle Wesen wechselseitig Zweck und Mittel sind, während der Mensch in seiner Selbstsucht sich einzig nur als Zweck und alle anderen nur als Mittel betrachtet und damit die Ordnung stört. Die in der Natur erkannte Ordnung ist das Richtmaß für sittliches Verhalten: Sittlich verhält sich, wer seine Person aufs Ganze bezieht und nicht das Ganze auf seine Person, und wer seine Mitmenschen - wie später Kant sagt - niemals bloß als Mittel, sondern immer zugleich als Selbstzweck ansieht. (S. 86)

Um sich auf den Standpunkt des Gewissens zu erheben, bedarf es eines Kampfes mit sich selbst, dessen Ziel die Befreiung vom sinnlichen Trieb und von der ordnungswidrigen Leidenschaft ist. (S. 87) Wer diesen Kampf aufnimmt, ist tugendhaft. (S. 88) Den meisten Menschen fällt es schwer, tugendhaft zu sein. Deshalb bedürfen sie eines Lehrers oder des Staates, der durch seine Gesetze die Bürger zur Tugendhaftigkeit anhält. Wer eine Zeitlang zur Tugend gezwungen worden ist, erwirbt eine habituelle Einstellung und wird von selbst tugendsam, zumal er dann auch die Zufriedenheit kennenlernt, die damit verbunden ist. (S. 89/90/91)