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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.3 Geistesgeschichtliche Literatur
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Hans Reiner
Die Funktionen des Gewissens (1971)
in: Jürgen Blühdorn (Hrsg.): Das Gewissen in der Diskussion (S. 285ff.)
Darmstadt ( WBG) 1. Aufl. 1976

Das älteste Zeugnis vom Gewissensbegriff stammt von Euripides (Orest 396/8). Dort ist von der seelischen Qual der Einsicht des Bewußtseins die Rede, Furchtbares begangen zu haben. Syneidesis hat hier zugleich noch die allgemeine Bedeutung von Bewußtsein. Von den Gewissensqualen ist auch bei Demokrit (Frag. 297 - Diels -) und Epikur (nach Seneca ep.97,15) die Rede. (S. 286) Das Gewissen wird hier als eine Macht begriffen, der der Mensch unterworfen ist und die insofern richtungsweisend für das Handeln ist als es bei schlechten Taten quält. (S. 288)

Bei Cicero (Tusc. Disp. IV,45) hat das Wort conscientia analoge Bedeutung. Cicero gibt aber auch an, woher das Gewissen den Maßstab der Entscheidung zwischen Gut und Böse hat. Dieser Maßstab oder diese Erkenntnisquelle ist die rectu ratio, die dem Menschen angeboren ist. (Pro Milone 10 iVm 61 und De re publica III, 22). (S. 289). Indem das Gewissen für Cicero damit zum Träger eines Gesetzes wird, fungiert es nicht nur sanktionierend nach getaner Tat, sondern auch orientierend für künftiges Handeln. Da das Gewissen als einzige Instanz dieser Orientierung verstanden wird, behauptet Cicero seine Autonomie, die unabhängig ist von Meinungen und Weisungen anderer Menschen. (S. 290)

Zu unterscheiden sind also das rückschauende Gewissen, das nur als Gefühlserlebnis bewußt wird, und das vorausschauende Gewissen, das Ausdruck der Vernunft ist und nicht des Gefühls. (S. 291)

Sowohl bei Cicero als auch im Neuen Testament (Apg. 23. Kap) ist auch die Rede vom Guten Gewissen (S. 293) Dieses fungiert gegenüber einer externen Anklage als interner Zeuge der Unschuld, während das schlechte Gewissen eine interne Anklage ist (S. 294)

Das Gewissen kann als Zeuge fungieren für die Frage, ob ich eine Handlung begangen habe oder nicht, wobei feststeht, daß die Handlung verwerflich ist. Es kann aber auch als Richter fungieren. Dann beurteilt es selbst, ob die Handlung, deren Begehung bereits feststeht, verwerflich ist oder nicht. (S. 295) Zur Kompetenz des Gewissens gehört also ein Tatsachenurteil und ein Werturteil. (S. 296) Die Unterscheidung dieser beiden Funktionen findet sich bereits bei Thomas v. Aquin (De Veritate XVII,1). (S. 296)

Sittliche Bewertung ist aber keineswegs nur Sache des Gewissens. Wir können die Handlungen anderer sittlich bewerten, wobei dies keine Gewissensangelegenheit ist. Beim vorausschauenden Gewissen geht die Frage nach der Verwerflichkeit einer in Aussicht genommenen eigenen Handlung über in die allgemeine Frage, ob eine Handlung solcher Art verwerflich oder nicht verwerflich sei. Solche allgemeinen ethischen Fragen sind keine Gewissensangelegenheiten. (S. 297)

Die mittelalterliche Scholastik hat daraus den Schluß gezogen, daß das auf den Einzelfall bezogene Gewissensurteil die Konklusion aus einem Syllogismus ist, als deren erste Prämisse ein allgemeines sittliches Urteil steht. Diese Ansicht ist aber nicht (immer) richtig. Das Gewissen kann seine Stimme auch gerade gegen eine rational aus sittlichen Prinzipien abgeleitete Selbstrechtfertigung erheben. (S. 299)

Zur ganzen abendländischen Tradition gehört die Lehre von der Autonomie des Gewissens. Es ist dies nicht nur die Freiheit, nach dem eigenen Gewissen handeln zu dürfen, sondern auch die Freiheit und Kompetenz des Gewissens, in Zweifelsfällen selbst darüber zu befinden, was sittlich gut und böse ist (S. 300)

Schon in den nachpaulinischen Schriften des Neuen Testamentes wird die Gewissensfreiheit des einzelnen zunehmend ersetzt durch die Weisungen der Kirchenführer (vgl. Ignatius v. Antiochien, Brief an die Magnesier 4; 1. Clemensbrief 41,1). Das Gewissen wird jetzt zum Kontrollorgan zur Überwachung der Einhaltung externer Normen. (S. 301)

Freud versteht das Gewissen nur noch in diesem Sinne. Danach (vgl. Das Unbehagen in der Kultur, S. 111) ist das Gewissen die Verinnerlichung des Wunsches des Vaters oder der Mutter, denen das Kind folgen muß, um drohendem Liebesverlust zu entgehen, bzw. aus Gründen der Identifizierung (S. 303/304) Diese Identifizierung mit der Autoritätsperson als Ergebnis des Ödipuskomplexes verfestigt sich in einem vom Ich abgespalteten zweiten Ich, dem "Über-Ich". Während das autoritätsgebundene frühe Christentum noch die Autorität kennt, der es sich beugt, ist diese Bindung bei Freud unbewußt. Die Angst des Gewissens ist deshalb auch krankhaft (S. 304f.)

Die Freud'sche Theorie verkürzt das Gewissen um seinen wesentlichen, in der Vernunft des Menschen verankerten und sich ihrer bedienenden Teil. Jung hat sich davon distanziert. (S. 305) [pt]