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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.2 Theologische Literatur
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Christoph Türcke
Erinnerung als Verdunkelung
Wie die Theologie die ihr entlaufenen Begriffe heimholt - eine Replik auf Eberhard Jüngel
in: Frankfurter Rundschau Nr. 53 v. 4.3.1997 S. 18

Den modernen Gewissensbegriff gäbe es zwar nicht ohne seine antike und christliche Vorgeschichte. Doch hat er sich von dieser Vorgeschichte emanzipiert. Sein Ursprung ist deshalb nicht seine höhere Wahrheit, sondern ein "mehrdeutiges Gären, wie der christliche Gebrauch des Wortes syneidesis (wörtlich: Mitwissen) zeigt. Die damit gemeinte Mitwisserschaft mit dem eigenen Leben und Handeln hat zur Folge, daß der Mensch, der solchermaßen sich seines Lebens bewußt wird, dafür auch die Verantwortung trägt. An diese Verantwortlichkeit hat das frühe Christentum appelliert. Zugleich hat es aber die vielfältigen Möglichkeiten eines jeden konkreten Lebens auf zwei Alternativen reduziert: entweder das ewige Verderben oder der Glaube an Christus. Doch diese scheinbare Wahlfreiheit, für die der einzelne die Verantwortung trägt, enthält zugleich ihr eigenes Dementi. Nur wer von Christus weiß, dem stehen die Alternativen überhaupt zur Wahl. Deshalb die fieberhafte Missionierung. Wer die Alternative aber kennt und bei Verstand ist, kann sich nur für Christus entscheiden. Man missioniert also nicht um der Entscheidungsfreiheit willen, sondern damit die "richtige Entscheidung" fällt. So wird das Ja zur Gewissensfreiheit zugleich ein Nein. Das Individuum darf über sein Schicksal entscheiden, aber nur wenn die Entscheidung richtig ausfällt, wird sie respektiert.

Wo die Gewissensfreiheit ernst genommen wird, da wird sie zur Freiheit, auch gegen das Evangelium optieren zu dürfen und trotzdem respektiert zu werden.

Daß im Christentum Vorformen der Gewissensfreiheit stecken, konnte überhaupt erst sichtbar werden, nachdem die Gewissensfreiheit aus der christlichen Tradition herausgearbeitet worden ist. Von einer "Erinnerung an den christlichen Ursprung des Gewissens" kann deshalb keine Rede sein.

Der von Jüngel postulierte Gewissensbegriff nimmt das Individuum nicht ernst. Denn er bezieht ihn nur auf ein abstraktes Personsein, nicht aber auf die konkreten Gedanken und Handlungen wirklicher Menschen. So wird der unbedingte Resprekt vor der Würde der Person bei Jüngel zum bloßen Respekt vor der göttlichen Übermacht, die in ihr am Werke ist, nicht aber zum Respekt aus Erbarmen. Die These, daß der Person nichts widerfahren kann, das ihre Würde in Frage stellt, hat einen verborgenen Hintersinn: "Nichts, was konkreten Individuen Schlimmes widerfahren kann, reicht an ihr Eigentliches heran. Folter, Gehirnwäsche, Schizophrenie: sie bleiben der "Person" äußerlich. Eine Würde des Menschen, die in dem Sinn als unantastbar definiert ist, daß man ihr ja doch nichts anhaben kann, gibt selbst schon verstohlen den Wink, daß es so schlimm nicht sein kann, wenn man gelegentlich auf ihr herumtrampelt. Genau mit dieser Implikation ist die Menschenwürde ins Grundgesetz geraten, und Jüngel legt die theologische Anthropologie offen, die dabei Pate gestanden hat. Es ist nicht "die" biblische, sondern eine existentialistisch weichgespülte."