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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.2 Theologische Literatur
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Eberhard Jüngel
Wertlose Würde - Gewissenshafte Gewissenlosigkeit
Erinnerungen an den christlichen Ursprung lebensorientierender Begriffe
in: Frankfurter Rundschau Nr. 41 vom 18.2.1997 Seite 10

Für Immanuel Kant ist die jedem Menschen geschuldete Achtung die Anerkennung seiner Würde als Person. Unter einer Person versteht Kant ein Subjekt, das für seine Handlungen verantwortlich ist. Danach ist der Begriff des Personseins von den moralischen Handlungen bzw. der moralischen Handlungsfähigkeit abhängig. Die Moral nötigt den Menschen dann, sich erst zur Person zu machen, indem er dem moralischen Gesetz gehorcht. Der Mensch als Person ist hier also das Produkt seiner Tat. Wenn er dem Auftrag, sich erst zu dem zu machen, was er ist, nicht nachkommt, erhebt sich die "furchtbare Stimme des Gewissens". Auf der selben Linie liegt auch Heideggers Analyse des Gewissens und Niklas Luhmanns Behauptung, daß "die gewissenswidrige Handlung (oder Unterlassung) zum unwiderruflichen Bestandteil der Persönlichkeit" wird.

Ganz anders dagegen die christliche Auffassung von Menschenwürde und Gewissen. Martin Luther, von dem die Wendung von der Freiheit des Gewissens eigentlich stammt, versteht diese ganz anders als die Kantische Tradition, der auch das Grundgesetz folgt. Für Luther verdankt sich die Person nicht ihrer Selbstschöpfung, sondern der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen. Unser Personsein ist Gottes Werk und von unseren Taten und Untaten unabhängig. Auch der ärgste Verbrecher kann deshalb seiner Würde nicht verlustig gehen. Selbst wenn jemand seine eigene Würde selbst verachtet, läßt das seine Würde als Person doch unberührt.

Allein diese Auffassung bewahrt den Menschen vor Überforderung. Jüngel: "Die moralische Anstrengung, für andere dazusein, ist zum Scheitern verurteilt, wenn ihr nicht die kreative Passivität zur Seite steht, in der ich mich von anderen her empfange."

Gewissensfreiheit bedeutet deshalb für Luther nicht die Freiheit, seinem Gewissen gemäß zu handeln. Vielmehr folgt aus der Gewissensgebundenheit, daß es nützlich und heilsam ist, nach dem Gewissen zu handeln. Unter Gewissensfreiheit versteht Luther dagegen die Gewißheit, daß die vom Gewissen verurteilten Taten und die im Gewissen aufgedeckte Schuld die Würde der menschlichen Person nicht zu zerstören vermögen. [pt]


siehe auch die Replik von Christoph Türcke

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