Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.2 Theologische Literatur
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Walter Schmithals
Gewissen und biblisches Zeugnis als Grundlage politischer Aussagen des Christen, christlicher Gruppen und kirchlicher Leitungsorgane
- Bekenntnis und Gewissen -
in: Nickel/Sievering (Hrsg.): Gewissensentscheidung und demokratisches Handeln
Arnoldshainer Texte - Band 29
Frankfurt/M [Haag + Herchen] 1984

Die Absolutsetzung der eigenen Gewissensentscheidung geht auf humanistisches und spiritualistisches Denken zurück und bekommt erst durch den Deutschen Idealismus sein protestantisches Aussehen. Reformatorisches Denken unterscheidet dagegen zwischen Evangelium und Politik. (S. 45)

Den Evangelien ist der Begriff des Gewissens fremd. Der Begriff stammt aus dem Griechischen. Er heißt ursprünglich syneidesis, lateinisch conscientia, also Mit-Wissen. Das deutsche Wort "Gewissen" ist durch Luthers Paulus-Übersetzung geläufig geworden.

Ursprünglich bezeichnet das Gewissen ein Mit-Wissen mit dem eigenen Tun, nämlich dem bösen Tun, nicht aber ein menschliches Organ. Im hellenistischen Judentum wird das Gewissen dann zu einer Instanz, welche die Funktion des göttlichen Anklägers und Richters übernimmt (Philo; Josephus). In diesem Sinne führt dann Paulus den Gewissensbegriff in die Sprache des Neuen Testamentes ein: Das Gewissen gibt dem Menschen Zeugnis über seine Taten, indem Anklage und Verteidigung miteinander ringen (Röm 2,15). (S. 53)

In der nachpaulinischen Literatur wird mehr und mehr nicht nur vom schlechten, sondern auch vom guten Gewissen gesprochen. Das nachfolgende Gewissen (Gewissensbisse) - conscientia consequens - wird um das vorausschauende Gewissen, die Gewissensentscheidung - conscientia antecedens - ergänzt. Für das christliche Denken ist das Gewissen dabei nicht Gesetzgeber, sondern Richter. Es verfügt nicht selbst über die Normen, die es seinen ethischen Urteilen zugrundelegt, ist also nicht autonom.

Die Vorstellung eines autonomen Gewissens entsteht aus humanistischen Ansätzen der Antike (Stoa) und wird im Deutschen Idealismus vollendet. Das autonome Gewissen kann, da es die Normen selbst setzt, nicht irren, wie Fichte feststellt. Jede Gewissensentscheidung ist darum unbedingt zu respektieren. (S. 54f.) Unsittlich ist nur, gegen sein Gewissen zu handeln.

Der christliche Glaube bezieht das Gewissen dagegen auf eine objektive Norm, auf das Gebot Gottes. Eine aus echter christlicher Überzeugung gefällte Gewissensentscheidung kann deshalb objektiv falsch sein, weil sie auf einem Irrtum über den wahren Gehalt der göttlichen Gebote beruht. Der Handelnde, der diesem irrenden Gewissen folgt, ist dabei zwar vor Gott gerechtfertigt, doch muß seine Entscheidung nicht von anderen akzeptiert werden. (S. 55)

Das Gewissen ist nur insofern frei, als der Christ allein an das göttliche Gebot der Liebe gebunden ist. Was das Liebesgebot im konkreten Fall fordert, muß er selbst entscheiden, doch muß er seine Entscheidung durch Gründe rechtfertigen können.(S. 56) Wenn das Moderamen des Reformierten Bundes die Frage der atomaren Rüstung zur Bekenntnisfrage erklärt, verkennt es, daß in Fragen praktischen Handels immer der Irrtum möglich ist und deshalb der status confessionis nicht tangiert sein kann. Die Behauptung, Atomrüstung sei Sünde, läßt sich aus dem Evangelium nicht begründen. (S. 58ff.)