Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.2 Theologische Literatur
Zur Startseite


Hans-Eduard Hengstenberg
Persönliches Gewissen und kirchliches Lehramt. Erwägungen eines katholischen Philosophen und theologischen Laien zur Zeitsituation (1969)
in: Jürgen Blühdorn (Hrsg.): Das Gewissen in der Diskussion
Darmstadt ( WBG) 1. Aufl. 1976 S. 92ff.

In dem Beitrag geht es um die Frage, ob es Lehrentscheidungen der katholischen Kirche gibt, von denen der einzelne Katholik sich aus Gewissensgründen distanzieren kann, ohne gegen Geist und Wesen der Kirche zu verstoßen. (S. 92) Die Schärfe des Problems gründet darin, dass nicht nur dem kirchlichen Lehramt, sondern auch dem Gewissen Unfehlbarkeit zuzusprechen ist. (S. 93)

Die Unfehlbarkeit des Gewissens erstreckt sich darauf, dass es von den letzten Grundentscheidungen und Grundhaltungen des Subjekts untäuschbar Kunde gibt. (S. 93f.) Das sei an einem Beispiel erläutert:

Jedem Menschen kann es geschehen, dass einmal das Gefühl des Neides in ihm hochsteigt. Angesichts dieses Gefühls steht er vor einer charakteristischen Entscheidung, die Hengstenberg "Vorentscheidung" nennt. Das Subjekt hat die Wahl, sich entweder von diesem Affekt bestimmen zu lassen (schlechte Vorentscheidung) oder es kann den Affekt verneinen, ohne ihn zu verdrängen. Es gesteht sich selbst ein: "So also bist du!" und diese Erkenntnis führt zu einem Leiden, durch das, indem der Betroffene es in sich hereinlässt, der Affekt sein determinierendes Gewicht verliert (gute Vorentscheidung). (S. 94) Beides, die gute wie die schlechte Vorentscheidung wird von uns im Gewissen gewusst. Wir können gar nicht anders, als von dieser unserer inneren Grundentscheidung zu wissen, da wir in ihr mit unserer ganzen Person engagiert sind. Ebenso sicher wissen wir im Gewissen, dass wir im einen Fall eine sachliche (seinsgerechte), im anderen Fall eine unsachliche (seinswidrige) Haltung in uns aufgerichtet haben. Wir wissen das untrüglich, weil wir diese Grundhaltung aus dem Engagement unserer ganzen Person aufgerichtet haben. Das Gewissen ist also unfehlbar, sofern es von solchen Vorentscheidungen und Haltungen Kunde gibt. (S. 95)

Keineswegs ist aber die Unfehlbarkeit des Gewissens heranzuziehen, wenn es um die rationale Beurteilung der Angemessenheit jener Vermögensaktualisierungen geht, die aus unserer Grundhaltung folgen. Auf der Basis unserer Haltung kommen wir zu logisch formulierbaren Urteilen, zu gezielten Wollungen und zu profilierten Wertungen. (S. 95) Je nach der sittlichen Qualität unserer Grundentscheidung gelangen wir entweder zu wahrhaftigen oder zu unwahrhaftigen Urteilen, zum Wohl-Wollen gegenüber Mitseienden oder zum Übel-Wollen, zu gerechten oder zu ungerechten Wertungen. Dabei können Störungen auftreten, die das Gewissen nicht zu verantworten hat und nicht korrigieren kann. So können intellektuelle unverschuldete Irrtümer vorliegen, z.B. unzureichende Fakteninformationen, die letztlich zu einem falschen Handeln führen, obwohl die Handlung aus einer sittlich guten Vorentscheidung folgt und deshalb auch sittlich gut ist, weil der Mensch seinem Gewissen folgt. (S. 96f.) Die traditionelle Moral spricht in solchen Fällen von einem irrenden Gewissen. Aber das Gewissen irrt hier überhaupt nicht. Der Irrtum bezieht sich auf unzutreffende Fakten. Er ist ein intellektueller Irrtum, kein Irrtum des Gewissens. (S. 97) Es gibt aber auch den verschuldeten Irrtum, der sittlich relevant ist. Das ist der Irrtum, der durch eine schlechte Vorentscheidung hervorgerufen wird, weil diese zu unwahrhaftigem Denken und Urteilen führt. Wer sich z.B. von seinen Neidgefühlen leiten lässt, spürt in seinem Gewissen, dass er nicht in Ordnung ist. Das Gewissen zeigt die unsachliche Haltung untrüglich an. Aber das Subjekt kann sich gegen den Ruf des Gewissens taub zu machen versuchen. Man kann mit Hilfe eines missbrauchten Intellekts das Gewissen manipulieren, etwa durch Rationalisierungen.. (S. 98)

So wie es Defekte des Intellekts gibt, gibt es auch solche des Wollens und Fühlens. Aus der Haltung werden Motive konzipiert, aus diesen Ziele erfasst und Mittel ausgewählt. In diesen Stufen, die der konkreten Tat vorausgehen, nimmt die Zuständigkeit des Gewissens allmählich ab. Dafür wächst reziprok ergänzend die Zuständigkeit eines rationalen Kriteriums, der ethischen Grundsätze. (S. 99)

Das Gewissen ist nur für die Vorentscheidung und Haltung zuständig. Insoweit ist es unfehlbar. (S. 99) Das sittliche Subjekt kann sich seine ihm verbindlich erscheinende Tat nicht durch eine Autorität verbieten lassen. Zwar ist das Subjekt verpflichtet, auf sittlich relevante Autoritäten zu hören, denn es weiß um seine Fehlbarkeit und die Möglichkeit des Irrtums. Aber es kann seine Handlungen oder Motive nur ändern, wenn es durch den Einfluss der Autoritäten von einem bisherigen Irrtum überzeugt worden ist. Es folgt also nicht der Autorität, sondern seiner Überzeugung. (S. 100)

Der Primat des Gewissens ist in der Kirche immer gelehrt worden. (S. 112)

[pt]