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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.2 Theologische Literatur
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Leo Landman
Gesetz und Gewissen aus jüdischer Sicht
in: Jürgen Blühdorn (Hrsg.): Das Gewissen in der Diskussion
Darmstadt ( WBG) 1. Aufl. 1976 S. 50ff

Der Autor geht der Frage nach, ob das jüdische Recht die Möglichkeit zulässt, dass man nach eigenem Gewissen und entgegen diesem Recht handeln darf, ob es also ethische Normen und Handlungen außerhalb der Thora geben kann. (S. 50) Die Griechen gingen davon aus, dass das Vernünftige selbstverständlich auch verpflichtend ist. Doch die Vernunft kann zwar den Unterschied zwischen Gut und Böse feststellen, aber sie kann die Menschen nicht zum Gehorsam gegen eine Norm bewegen, die die Vernunft als akzeptabel anerkennt. Die Vernunft muss beurteilen, ob eine Norm, die mit Geltungsanspruch auftritt, tatsächlich ein göttliches Gebot ist. Doch die Verpflichtung, auch danach zu handeln hängt davon ab, ob der Mensch den Willen Gottes als für sich verpflichtend anerkennt. Gottes Gesetz schließt also die Möglichkeit des menschlichen Gewissens nicht aus. Auch die Halacha (das jüdische Religionsgesetz) erkennt ein "höheres Gesetz" an, d.h. den Gehorsam gegen das Gewissen, obwohl sich diese Bezeichnung dort nicht findet. (S. 53)

Entgegen der auf Kant zurückgehenden Tradition erkennt das Judentum den höchsten ethischen Wert nicht in einer Handlung, die ausschließlich einem selbstgesetzten autonomen Gesetz folgt, sondern darin, den göttlichen Gesetzen zu folgen.

Im Anhang zu dem Aufsatz finden sich Erläuterungen zum jüdischen Recht von Pnina Navè (S. 71ff.)