Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.2 Theologische Literatur
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Zweites Vatikanisches Ökumenisches Konzil:
Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute
verabschiedet und promulgiert am 7. Dezember 1965
Luzern/München (Rex Verlag) 1. Aufl. 1966
Textziffern 16-17 (Volltext)

Die Würde des sittlichen Gewissens

Im Innern des Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gegeben hat, sondern dem er gehorchen muß, und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zum Meiden des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens erklingt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist. dem zu gehorchen eben seine Würde ist, und gemäß dem er gerichtet werden wird. Das Gewissen ist der geheimste Kern und das Heiligtum des Menschen, in dem er mit Gott allein ist, dessen Stimme in seinem Innern erklingt. Im Gewissen erkennt man in wunderbarer Weise jenes Gesetz, das in der Liebe Gottes und des Nächsten seine Erfüllung hat. Durch die Treue zum Gewissen sind die Christen mit den übrigen Menschen verbunden im Suchen nach der Wahrheit und zur wahrheitsgemäßen Lösung so vieler moralischer Probleme, die im Leben der einzelnen wie im sozialen Zusammenleben entstehen. Je mehr also das rechte Gewissen vorherrscht, desto mehr treten die Personen und Gemeinschaften von der blinden Willkür zurück und suchen sich nach den objektiven Normen der Sittlichkeit zu bilden. Nicht selten jedoch geschieht es, daß das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne daß es dadurch seine Würde verliert. Das kann man aber nicht sagen, wenn der Mensch sich zu wenig um die Suche nach dem Wahren und Guten kümmert und das Gewissen aus der Gewohnheit der Sünde fast blind wird.

Die Bedeutung der Freiheit

Der Mensch kann sich nur frei zum Guten wenden. Und diese Freiheit schätzen unsere Zeitgenossen hoch und erstreben sie brennend; und das mit Recht. Oft jedoch fördern sie sie in falscher Weise als Erlaubnis, alles zu tun, wenn es nur gefällt, auch das Böse. Die wahre Freiheit aber ist ein hervorragendes Zeichen des Bildes Gottes im Menschen. Gott wollte nämlich den Menschen «in der Hand seines Ratschlusses lassen», sodaß er seinen Schöpfer aus eigenem Entschluß suchen und frei zur vollen und seligen Vollendung, Gott anhängend, kommen könne. Die Würde des Menschen verlangt daher, daß er in bewußter und freier Wahl handelt, das heißt personal von innen bewegt und angetrieben und nicht unter blindem inneren Antrieb oder unter bloßem äußerem Zwang. Eine solche Würde erlangt der Mensch, wenn er sich von aller Gefangenschaft der Leidenschaften befreit, sein Ziel in freier Wahl des Guten verfolgt und sich die geeigneten Hilfen wirksam und in angestrengtem Eifer besorgt. Diese Hinordnung auf Gott kann die Freiheit des Menschen, da sie durch die Sünde verwundet ist, nur mit Hilfe der Gnade Gottes voll zur Wirklichkeit bringen. Jeder aber muß vor dem Richterstuhl Gottes über das eigene Leben Rechenschaft ablegen, je nachdem er Gutes oder Böses getan hat.

Letzte Änderung: 22.09.1999,19:07:33