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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.2 Theologische Literatur
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Alfons Auer
Das Gewissen als Mitte der personalen Existenz (1962)
in: Jürgen Blühdorn (Hrsg.): Das Gewissen in der Diskussion
Darmstadt [Wissenschaftliche Buchgesellschaft] 1. Aufl. 1976 S. 74ff.

Auer entwickelt den Begriff des Gewissens aus katholischer Sicht.

Die moderne Diskussion um das Gewissen hängt mit dem stark ausgeprägten Personbewußtsein des modernen Menschen zusammen. Das Gewissen ist das Organ der Erkenntnis des Gesetzgebers (S. 74)

Falsch ist der intellektualistische Gewissensbegriff. Er sieht das Wesentliche in einem Akt der Vernunft oder der Anwendung allgemeingültiger Normen auf einen Spezialfall (vgl. Thomas v. Aquin, Sumnma Theologica I, 79 art. 12 u. 13) (S. 75) Aber solange ein bestimmter Sachverhalt nur in der Denktätigkeit auftritt, ist er noch kein Gewissensphänomen. Ebensowenig ist Gewissen eine intuitive Erkenntnis. Bei der Reduktion von Gewissen auf Erkenntnis fehlt "das spezifische Interesse für das Gutsein oder gegen das Bösesein der eigenen Handlung." Dieses Interesse geht über bloße Erkenntnis weit hinaus; es betrifft das Heil der Person. Zwar ist Erkenntnis für das Gewissen wesentlich, aber es macht nicht das Wesen des Gewissens aus.

Der voluntaristische Gewissensbegriff sieht das Wesentliche nicht in der Erkenntnis des Gesollten, sondern im Drang nach seiner Verwirklichung (S. 76) Aber dabei fehlt das Moment des personalen Verhaltens, welches in einem Bezug zum personalen Heil steht.

Der emotionalistische Gewissensbegriff sieht das Wesentliche in einem wirklichen Erleben des Gegensatzes von Gut und Böse in Bezug zum personalen Heil oder Unheil. Dem ist zuzustimmen. Allerdings darf man diese emotionale Regung nicht zu subjektiven Gefühlen verharmlosen. Vielmehr handelt es sich bei diesen Regungen um das "Räsonnieren objektiver Sachverhalte", vor allem um das zur Entscheidung gestellte Verhältnis zu Gott. (S. 77)

Das Gewissen ist die reele innere Kundwerdung des personal Bösen oder auch Guten. (S. 78) Im Gewissen empfindet der Mensch sein Pflichtverhältnis zu Gott, seine "Gravitation zu Gott hin". Gewissen ist mehr als bloßes Erkennen, Wollen und Fühlen, es ist der "innerste Kern der Person in ihrer Ausrichtung auf den allheiligen Gott." (S. 79)

Im Gewissen nimmt "das geistige Auge des Glaubens" einen unsichtbaren, unendlichen Richter wahr (S. 80) So deutet das Gewissen auf einen persönlichen Gott hin. Sünde ist die Ablehnung der personalen Gemeinschaft mit Gott. (S. 81) Im Gewissen wird der Mensch von einem Du eingefordert und in die Pflicht genommen. Die Gewissensentscheidung befreit also nicht vom Gesetz, wie die moderne Situationsethik meint. (S. 86) [pt]