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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.2 Theologische Literatur
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R.I. Zwi Werblowsky
Das Gewissen in jüdischer Sicht
in: Jürgen Blühdorn (Hrsg.): Das Gewissen in der Diskussion
Darmstadt ( WBG) 1. Aufl. 1976

Es gibt in der hebräischen Sprache kein Äquivalent - nicht einmal eine Approximation - zum okzidentalen Begriff des Gewissens. Das Gewissen ist kein Thema jüdischer Quellen.

Die klassischen Begriffe syneidesis und conscientia vermitteln, daß Gewissen in erster Linie ein "Mitwissen" ist, wobei derjenige, mit dem der Mensch mit-weiß, sein eigenes Selbst ist. Erst bei den Stoikern erfährt dieses Mitwissen eine ethische Wendung, weil für die Stoa das Bewußtsein vom Aufbau des Kosmos entscheidend ist für die ethische Haltung, die nichts anderes ist als Übereinstimmung mit dem Kosmos. Bei Cicero und auch im Neuen Testament wird syneidesis weniger im Sinne der Wertung einzelner Handlungen verstanden denn vielmehr als ein die Lebenshaltung als Ganzes bezeichnendes Bewußtsein, so daß man syneidesis eher mit dem dem Menschen innewohnenden Geist (ruach) der Heiligkeit bzw. der Sünde gleichsetzen möchte. (S. 23)

Für Thomas v. Aquin (Summa Theologica I. 79.13) zeigt sich das Gewissen im Bezeugen eines Erkannten, die Anerkennung der Verbindlichkeit des Erkannten sowie die innere Anklage, wenn gegen das Anerkannte verstoßen wird oder werden soll. Dieser Gewissensbegriff, der nichts mit Autonomie zu tun hat, ist somit nichts anderes als das Bewußtsein einer unabhängig vom Wollen des Menschen vorhandenen, ihm vorgegebenen Sollensordnung und ihrer Verbindlichkeit. Was immer der Mensch weiß oder lebt, er weiß es immer "mit". Helmuth Plessner spricht von der "Positionalität der exzentrischen Form" Die Lebensform des Menschen ist immer schon indirekt. Es fehlt ihm an der unmittelbaren Natürlichkeit. Diese indirekte Lebensform, die exzentrische Positionalität, erschöpft sich nicht im Wissen, sondern betrifft auch das Handeln, bzw. das Handelnmüssen. Er weiß nicht nur, daß er weiß; er weiß auch, daß er handelt und daß er handeln muß, d.h. daß das, was er tut, von seiner Entscheidung abhängt und insofern verantwortet werden muß. Darin liegt der ethische Aspekt der conscientia. (S. 25)

Der biblische Jude erfährt sich in seinem Sein immer schon einem Anspruch ausgesetzt, nämlich so zu sein wie er sein soll. Er fühlt sich angesprochen von Gott, dem er eine Antwort geben muß. Indem er den Anspruch hört, ist er hor- sam. Gehorsam besteht darin, die Antwort auf diesen Anspruch nicht schuldig zu bleiben. Ungehorsamkeit besteht darin, die Antwort schuldig zu bleiben. Der unbeantwortete Anspruch wird zum Vorwurf, das Gewissen zum schlechten Gewissen. Die Stimme Gottes spricht zum denkenden, fühlenden und wollenden Menschen. (S. 27) Die Stimme Gottes ist nicht die Stimme des Inneren, sondern die Stimme zum Inneren, für das die hebräische Sprache die Begriffe "Herz" oder "Nieren" verwendet. (S. 28) Dieser Vorstellung ist der Begriff eines autonomen Gewissens, in dem sich die Würde des Menschen erweist, fremd. (S. 28) Doch wer sich die Torah wirklich aneignet, für den wird das Gesetz Gottes zum eigenen Gesetz. (S. 35)

Die rabbinische Psychologie betrachtet den Menschen als Kampfplatz, des bösen mit dem guten Trieb, für den die beiden Nieren stehen. (S. 36) Sie lehrt das Gebot, Gott mit beiden Trieben zu lieben. Man soll den bösen Trieb nicht unterdrücken und ausmerzen, sondern ihn für das Gute dienstbar machen. Hier zeigt sich die Idee der Sublimation vorgezeichnet. (S. 37) In der Tat assoziieren die Rabbiner mit dem bösen Trieb meist nichts anderes als die Libido und verbinden damit nicht nur den vitalen Trieb im allgemeinen, sondern insbesondere den Geschlechtstrieb. (S. 37) Dieser Trieb ist für die Rabbiner nicht an und für sich böse, sondern wird es erst in der spezifischen Dimension des menschlichen Seins. Wäre nicht der böse Trieb, so kommentiert der Mitrasch, so baute niemand ein Haus und niemand heiratete eine Frau.

Der Trieb zum Guten ist das, was man das jüdische Gewissen nennen könnte. (S. 39) Er ist nicht Lebensverneinung, sondern Lebensheiligung.. Der gute Trieb ist das regulative Prinzip, mittels dessen der Mensch bewußt, d.h. mit Gewissen, die Natur bzw. den bösen Trieb unterjocht, meistert, beherrscht, integriert, heiligt. (S. 39) Der guter Trieb entsteht erst mit der Fähigkeit, zu sich selbst Distanz zu nehmen, für die Rabbinen also mit 13 Jahren.

Die Torah ist die von Gott geoffenbarte Ordnung. Sie zu wissen ist das "Gewissen" des Juden. Die Torah ist Inbegriff der göttlichen Vernunft, die daher auch für die menschliche Vernunft als zugänglich gedacht wird.

Die kabbalistische Lehre führt zu einem individuellen Gewissensbegriff. (S. 43) Nach der Kabbalah ist die Seele ein aus 613 Gliedmaßen bestehender Organismus. Sie entsprechen den 613 Geboten der Torah. Die Torah wird somit "menschhaftig" und der Mensch "torahhaftig" verstanden: Jedes Gebot oder Verbot entspricht einem Seelenglied. Indem der Mensch alle Gebote beachtet, wird er vollkommen. (S. 43) Weil dies in einem einzigen Leben aber nicht erreichbar ist, erlebt der Mensch zahlreiche Inkarnationen. Je nach dem erreichten Entwicklungsstand im vorherigen Leben stellen sich für jeden Menschen in jeder neuen Inkarnation neue Aufgaben. Jeder muß also nach dem Mysterium seiner Individualität suchen, nach dem je eigenen Zustand seiner Seele, um von dort aus den Weg der Vervollkommnung zu gehen. Die Torah gilt zwar für alle gleich, doch hat jeder einen Punkt in dem Organismus der Torah, der für ihn ganz besonders gilt. Wenn es also insofern auch den Gedanken einer individuellen ethischen Schicksalsaufgabe jedes Menschen gibt - zu einer Lehre vom Gewissen ist es auch in der Kabballah nicht gekommen. (S. 45) [pt]