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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Dr. phil. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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Thomas Sören Hoffmann
Gewissen als praktische Apperzeption. Zur Lehre vom Gewissen in Kants Ethik-Vorlesungen
In: Kant-Studien 93 (2002), S. 424-443

In Kants Druckschriften finden sich weit weniger einschlägige Belege zum Gewissensthema, als man vermuten könnte. In der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten kommt der Begriff überhaupt nicht vor, in der Kritik der praktischen Vernunft nur am Rande. Erst aus den Schriften der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts, also in Kants Alterswerk finden sich Ausführungen zum Gewissen. (S. 425) Der Grund dafür liegt darin, dass sich Kants Ethik prinzipiell nicht mit Handlungen befasst, sondern mit den Maximen zu Handlungen. Diese Lücke wird in mancher Hinsicht durch die Vorlesungen zur Ethik geschlossen, die in zahlreichen Mitschriften von Hörern überliefert sind. (S. 425f.) Der Begriff des Gewissens tauchte erstmals bei Demokrit auf. In den sokratischen Ethiken (Platon, Aristoteles) kommt er nicht vor. (S. 426) Erst die Stoa und das Christentum führen den Begriff des Gewissens systematisch in die Ethik ein. Formelhaft könnte man sagen, dass der Begriff immer dort auftaucht, wo es Zweifel an einem ontologischen Konzept des Guten gibt und die personale Identität nicht mehr substantialistisch gefasst wird, nämlich als aktuale Partizipation des Individuums am Guten. Das Gewissen hält vielmehr eine formale Personidentität fest, ein Ich-Selbst-Sein trotz meiner Mängel. Dieses Ich-Selbst wird von Augustinus als "intus hominis", als Inneres des Menschen bestimmt. Für Luther ist das Gewissen kein Mitwissen oder "Urwissen" um Gut und Böse, sondern ein Affekt, nämlich das Gefühl der Privation des Guten. Das Gewissen erscheint in der reflektierenden Selbstwahrnehmung als eine Art moralisches Selbstgefühl. (S. 427f.)

Am Beginn der Neuzeit spielte, Luther zum Trotz, das Gewissen keine herausragende Rolle. Das hing möglicherweise damit zusammen, dass das lateinische Wort conscientia" jetzt eher mit der Bedeutung von "Bewusstsein" verbunden wurde und in diesem Sinne auch in die lebenden Sprachen (Englisch: consciousness) einging. Im Bewusstsein erfährt sich die Person als identische, während sie im (schlechten) Gewissen eher eine skeptische Differenzerfahrung macht, also sich selbst als nicht identisch erlebt. (S. 428)

Bei Hobbes findet sich eine Kritik des Gewissensbegriffs (Leviathan I,7). Er geht von der Grundbedeutung von conscientia als Mitwissen aus. Ein Gewissen hat danach ursprünglich nur, wer um Mitwisser seiner Taten und Worte weiß; er muss sich in seinem Handeln darauf einstellen, dass es Zeugen gibt. Zeugen kann man auch zur eigenen Verteidigung anrufen. Am Ende kann man sich auch auf Zeugen berufen, wo es gar keine gibt. So rufen am Ende die Menschen nach Hobbes unter dem Namen des Gewissens fiktive Zeugen auf. Wer auf sein Gewissen pocht, also stets behauptet, Zeugen bei der Hand hat, geht aus jedem Disput siegreich hervor, kann er ihn doch an jeder ihm geeignet erscheinenden Stelle abbrechen. Gewissen stellt sich so also als Strategie zum Abbruch von Reflexion und von Diskursen dar. (S. 428f.)

Kant folgt Hobbes zwar nicht in dieser Kritik, teilt aber doch den Standpunkt, dass das gewissen jedenfalls nicht der Sphäre des Diskurses und der diskursiven Verständigung angehört, sondern das Bewusstsein eines Punktes kennzeichnet, an dem der Diskurs in Handlung umschlägt, eines Punktes freilich, der zugleich ebenso das genuine Bewusstsein der Tat selbst enthält. (S. 429)

Kant hielt seine Ethik-Vorlesungen auf der Basis eines Kompendiums von Baumgarten. Dieser vertrat einen scholastischen Gewissensbegriff, wie man ihn auch schon bei Albertus Magnus antrifft, Danach ist conscientia die Konklusion eines Syllogismus der folgenden Art: Das Gute soll getan werden. Dies ist gut. Also: Dies soll getan werden. Diesem Konzept ist Kant noch in der Ethik-Vorlesung von 1764 verhaftet, die von Herder mitgeschrieben wurde. Kant betont hier aber schon, dass der moralische Impuls weder auf Eigennutz noch auf Gemeinnutz zurückzuführen sei, sondern auf das Gewissen. Das Gewissen verfüge also über einen nicht weiter reduziblen, nicht-diskursiven inneren Maßstab, von dem es sich leiten lasse. Zwar rechnet Kant auch mit einem durch kulturelle Einflüsse verbildenen oder verzerrten Gewissen, beharrt aber darauf, dass bei gehörigem Dringen auf den Ursprung diese angelernten Gewohnheiten von der Natur klar unterschieden werden können. In Letzterem könne das Gewissen nicht irren. Das Gewissen ist also die infallible Stimme der Natur im Menschen. Das Sittengesetz besagt: Handle nach deiner moralischen Natur. Und dieser moralischen Natur ist sich der Mensch im Gewissen gewiss. (S. 430) Die Lehre vom irrenden Gewissen hängt in ihrem Ursprung mit dem bereits erwähnten logifizierten Gewissensbegriff zusammen. Es kann sich also nur um einen Subsumtionsfehler handeln. (S. 431) Kant erweitert diese Lehre vom irrenden Gewissen jetzt aber dahin, dass er das logisch verfälschte Gewissen vom moralisch verfälschten Gewissen unterscheidet. Letzteres ist ein Fehler des Gefühls, der durch falsche kulturelle Einflüsse hervorgerufen werden kann. (S. 432)

In den 70er und 80er Jahren kommt es zu weiteren Abweichungen von Baumgartens Kompendium. Kant macht nun deutlich, dass das Gewissen kein bloßes Beurteilungsvermögen ist, von dem wir beliebig Gebrauch machen könnten oder auch nicht. (S. 434) Das Gewissen wird jetzt vielmehr als Richter oder Gerichtshof gefasst, also als eine effektiv auf Freispruch oder Strafe befindende und nicht nur eine theoretisch urteilende Instanz. Damit macht Kant mit der alten Metapher vom forum internum ernst. Damit bezieht Kant das Gewissen eindeutig auf Handlungen. Das Gewissen kann nicht in abstracto ethische Probleme lösen, sondern es ist auf Handlungen bezogen, insofern ich in ihnen mir selbst reales Dasein gegeben habe oder geben will. So kann er sagen: "Das Urteil des Gewissens geht auf ein factum, das Urteil des Verstandes auf einen allgemeinen Satz." Im Gewissen zeigt sich folglich nicht nur ein intellektuelles Wohlgefallen oder Missfallen, sondern seine Verurteilung ist "der Wirkung nach physisch". Von diesem Gewissensbegriff aus wird klar, warum er in den ethischen Schriften der 80er Jahre keine Rolle spielt. Diese Schriften beziehen sich nämlich ausdrücklich nicht auf Handlungen, sondern auf die Maximen von Handlungen. Es handelt sich also um ein rein rationales Geschäft, an dem das Vernunftwesen als solches beteiligt sein kann, ohne deshalb ein handelndes Vernunftwesen zu sein. (S. 435)

Kant bezeichnet das forum internum in seinen Vorlesungen auch als forum divinum. Dabei denkt er aber nicht an eine vox dei im Sinne einer externen Autorität. Der Richterstuhl ist ein solcher im Inneren des Menschen und der Richter, der darauf sitzt, ebenso. Gott sei keine "außer mir befindliche Substanz, sondern bloß ein moralisch[es] Verhältnis zu Mir". Es ist das eigene Selbst, das mich im Gewissen nötigt. (S. 436)

Vor dem internen Richter tritt auch ein Advokat auf, der zu erklären versucht, dass der Handelnde doch nur "vom Strom der Naturnotwendigkeit fortgerissen" worden sei. Das aber läuft auf nicht anderes heraus, als das handelnde Subjekt zu verdinglichen, es zum bloßen Naturvorgang zu erklären. Diese Erklärung ist nur vom Standpunkt der dritten Person aus verständlich. Vom Standpunkt der ersten Person aus aber nicht nur unakzeptabel, sondern unverständlich. Die erste Person ist gleichsam Gott. Das Gewissen zeigt mich als mir als Objekt geworden, also dritte Person. Aber das Gewissen erkennt mich zugleich durch seine Zitation als Person, d.h. als erste Person an. (S. 437)

Aus den 90er Jahren ist eine Mitschrift der Ethik Vorlesungen von Kants Freund Johann Friedrich Vigilantius überliefert (dort zum Gewissen: 78). Das Gewissen ist jetzt ein bestimmtes zweites Bewusstsein, dessen Vorliegen Pflicht ist - nicht aber ist das Bewusstsein einer Pflicht schon Gewissen. (S. 438) Es geht also darum, handlungsbegleitende Vorstellungen von Pflichten nicht nur zu haben, sondern sie sich auch gleichsam "apperzipiert" zu haben. Es ist möglich, das jemand seine Pflicht genau kennt, aber trotzdem gewissenlos handelt. Ebenso kann jemand über seine Pflichten irren, aber dennoch gewissenhaft handeln. Das zeigt nun in einem anderen Sinne als in den 60er Jahren, dass das Gewissen nicht irren kann. Irren kann nur das Erkenntnisvermögen in der Feststellung der Pflichten. Irren kann aber nicht die Prüfung, ob ich die Pflicht als meine erkannt, befolgt oder verworfen habe. Oder anders: Irren kann ich vor mir selbst nicht in dem Wissen, woraufhin ich letztinstanzlich gehandelt habe, handle oder zu handeln gedenke. Das Gewissen besteht also formal aus Wahrhaftigkeit und inhaltlich aus Behutsamkeit in der Prüfung der Maximen. (S. 439) Das moralische Selbstbewusstsein kann so wenig irren wie die Vorstellung "Ich denke" irrtumsfähig ist. Für eine Unterscheidung zwischen natürlichem und kulturell angelerntem Wissen ist dabei kein Platz. (S. 440)

Das Gewissen ist also keine Quelle, aus der in abstracto Antworten auf die Frage "Was soll ich tun?" geschöpft werden können. Vielmehr bleibt das Gewissen insofern auf Ethik angewiesen. Die Grenze des eigenen Gewissens, die sich nicht aus einer Ethik, sondern aus dem Gewissen selbst gewinnen lässt, ist allein das Gewissen des Anderen. (S. 441) Das Gewissen zieht sich selbst und um seiner selbst willen eine Grenze, jenseits derer das andere Gewissen steht und stehen dürfen muss; die Gewissensfreiheit besteht dann in der Verpflichtung, jenen Raum, in dem sie nach bestem Wissen und Gewissen urteilende und handelnde Individualität zeigen kann, überhaupt offen zu halten. (S. 442) [pt]