Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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Hendrik Gerhardus Stoker:
Das Gewissen. Erscheinungsformen und Theorien
Bonn: Verlag Friedrich Cohen 1925

Der Autor legt eine Untersuichung über die Gewissensphänomene vor und orientiert sich dabei an der Phänomenologie Max Schelers. Das Buch ist in der von Scheler herausgegebenen Buchreihe "Schriften zur Philosophie und Soziologie" erschienen und mit einer Vorrede des Herausgebers versehen.

Zunächst werden die zahlreichen Bedeutungen des Gewissensbegriffs und die unterschiedlichen Verständnisse in der Philosophiegeschichte dargestellt. Dem schließt sich eine systematische Untersuchung an.

Das Gewissensurteil ist etwas anderes als ein moralisches Urteil. Moralische Urteile kann man über eigenes wie auch über fremdes Verhalten aussagen. Gewissensurteile betreffen nur die eigenen Handlungen. (S. 58) Es ist möglich, negative moralische Uerteile über eigene Handlungen zu fällen, ohne dass das Gewissen berührt ist. (S. 59) Von einem Gewissensphänomen kann erst da die Rede sein, wo ein eigenes Schuldgefühl vorliegt. (S. 61) Es gibt ein neurotisch verursachtes, also pathologisches Schuldgefühl. Das wird subjektiv nicht anders erlebt wie ein echtes Schuldgefühl. Trotzdem muss man beide Schuldgefühle unterscheiden. Wir unterscheiden auch sonst zwischen Wahrnehmung von Realität und Wahn. (S. 73) Ein pathologisches Schuldgefühl ist nicht auf eine reale Handlung bezogen. Patienten haben oft ein Schuldgefühl und wissen nicht, auf welche Handlung es sich bezieht. Von einem irrenden Gewissen kann man sprechen, wenn dem Schuldgefühl eine irrige Vorstellung über moralische Werte zugrundeliegt. Aber ein irrendes Gewissen im eigentlichen Sinne kann es nicht geben. Der Irrtum bezieht sich nur auf moralische Werte. (S. 74)

Das Gewissen hat nicht primär mit behauptenden Gedankengebilden zu tun. Ein moralisches Urtei erlaubt als solches stets eine Distanz gegenüber dem Sachverhalt, den es aussagt. Es erlaubt ein Denken über die Schuld. Im Gewissen wird dagegen Schuld unmittelbar erlebt. (S. 78) Es kann Schulderlebnis ohne Schuldurteil geben - dann handelt es sich um ein Gewissensphänomen - und es kann ein Schuldurteil ohne Schulderlebnis geben - dann handelt es sich nicht um ein Gewissensphänomen. (S. 79) Gleichwohl kann das Denken über Schuld und Moral zu Gewissenserlebnissen führen. Jedoch ist dies nur ein möglicher Weg; ein anderer ist das intuitive Werterfassen. (S. 81)

Ebenso wie es chemische oder astronomische Tatsachen gibt, gibt es auch sittliche Tatsachen. Das sind Tatsachen einer materialen, gleichwohl nicht sinnlichen Anschauung, in der der Gegenstand unmittelbar gegeben ist. Sittliche Tatsachen in diesem Sinne sind die Werte. (S. 95)

Das echte Gewissen tritt in der Regel als böses Gewissen auf, und zwar dann, wenn der Wert, bzw. Unwert einer Handlung sicher erkannt ist. (S. 102)

Das Schuldgefühl ist kein intellektuelles Wissen um die Schuld und erklärt sich auch nicht aus einem intuitiven Fühlen der Schuld, sondern setzt einen Drang zum Guten voraus, der letztlich nur religiös oder metaphysisch verstanden werden kann als Drang zum höchsten personalen Guten, also als Liebe zu Gott. (S. 106) Dem Menschen wesentlich ist aber, dass er neben diesem Drang zum Guten immer auch einen Drang zum Bösen besitzt. (S. 128) Das Gewissen rührt sich, wenn der Drang zum Guten unbefriedigt ist. Dagegen löst die Frustration des Drangs zum Bösen kein dem Gewissen analoges Phänomen aus. (S. 130)

Schuld können wir nur gegenüber einer Person empfinden, der wir verantwortlich sind. Nur eine Person können wir um Vergebung bitten, nicht eine unpersönliche Gerechtigkeitsmacht. So deutet das böse Gewissen hin auf Etwas über uns, nämlich auf Gott. (S. 147) Gott wird vom Gewissensgeplagten aus eigener Tiefe heraus gefühlt. (S. 148)

Das im bösen Gewissen gegebene Schuldgefühl kann zu dem Phänomen der Gewissensfurcht führen oder zum Phänomen der Gewissensreue. Gewissensfurcht fixiert an die Schuld und zwingt zu deren Verleugnung. Sie kann zum Selbstekel führen. Reue dagegen ermöglicht es, das Schuldgefühl zu überwinden. (S. 174) In der Reue verzichtet der Gewissensgeplagte auf jeden Versuch, sich selbst retten zu wollen. Er liefert sich in schonungsloser Demut an seinen Richter aus. Er erlebt seine Schuld und die sich daraus ergebende Nichtigkeit und Scham uneingeschränkt. Auf dieses echte Loslassen des eigenen Selbst kommt es bei der Reue an. (S. 177) Es ist der Verzicht auf jegliche Selbsthilfe, Selbstentschuldigung und Selbstachtung. So bewirkt die Reue eine Selbstheilung der Seele. Nicht die bereute Schuld, sondern nur die unbereute Schuld hat auf die Zukunft des Lebens eine determinierende bindende Kraft. Die Reue stößt Motiv und Tat mit ihrer Wurzel aus dem Lebenszentrum der Person heraus und macht sie frei zu einem spontanen Neuanfang. (S. 179) Die Reue ist also eine mächtige Selbstregenerationskraft der sittlichen Welt.

Die höchste Kraft und Form erreicht die Reue allerdings nur, wenn in dem Reueerlebnis eine Schuldvergebung miterlebt wird. Das ist nur möglich, wo Reue in einem metaphysisch-religiösen Zusammenhang erlebt wird. (S. 180)

Im 8. und 9. Kapitel befasst sich der Autor mit der Entwicklung des Gewissens. Hier diskutiert er zahlreiche Theorien zu diesem Thema.

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