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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

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Marcel Müller-Wieland
Ethik heute. Wege sittlicher Bildung.
Hildesheim [Georg Olms Verlag] 2001

Inhaltsverzeichnis

Zur Grundlegung des Sittlichen
Individualethik
Sozialethik
Ethik und Mitwelt
Ethik in Forschung und Technik
Ethik in Wirtschaft und Politik
Ethik und Religion
Wege sittlicher Bildung
Der sittliche Auftrag der Familie
Der sittliche Auftrag der Schule
Sittliche Bilodungskräfte in der Gesellschaft

Mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag wird im Folgenden der Originaltext des Abschnitts "Gewissen und Schuldgefühl" aus dem Kapitel "Zur Grundlegung des Sittlichen" wiedergegeben:

Gewissen und Schuldgefühl

Das Gewissen begleitet den geistig entfalteten Menschen als ein inneres Bewusstsein um die sinliche Gesinnung seiner Absichten und seines Handelns durchs Leben. Solch inneres Mitwissen wird auch durch den griechischen Ausdruck "Syneidesis" und das lateinische "Conscientia" bezeugt. Es gibt ein rückwirkendes, auf vergangene Tatabsicht und auf bereits vollzogene Hand­lung oder Unterlassung bezogenes Gewissen. Es beurteilt und bewertet rück­blickend die eigene Haltung. Wann immer die vollzogene Absicht oder Hand­lung den persönlichen Sinn des Sittlichen nicht erfüllte, fühlt sich der Mensch schuldig. Die innere Stimme des Gewissens kann aber auch vorgreifend neue Handlungen und Verhaltensweisen fordern oder beschränken. Es gibt ein antreibendes, zum Sittlichen aufrufendes Gewissen. Ihm entspricht die Gewissenhaftigkeit des Handelnden und die Treue zur eigenen sittlichen Einstellung. Und es gibt ein mahnendes, warnendes, abhaltendes Gewissen. Sokrates liess sich durch sein "Daimonion" wamen.8

Das Gewissen kann echt und unecht sein. Ein unechtes Gewissen ist sittlich belanglos und oft auch verderblich. Nur langsam erwacht das echte Gewissen beim heranwachsenden Kinde. Ein Kleinkind mag noch ohne Gewissensschranke einen fremden Gegenstand an sich reissen und für sich beanspruchen. Noch manche Jahre mag das kleine Kind dem andern sein Spiel­zeug entwenden oder einen gefundenen Gegenstand für sein Eigentum halten. Es zerreisst den Schmetterling, den es erhascht. Die verstehende Zuwendung zur Eigenständigkeit und Innerlichkeit des begegnenden Wesens oder zum Eigentumsanspruch des andern Menschen entfaltet sich in manchen Bezügen nur langsam. Hier zeigt sich der Unterschied in der Heranbildung des echten vom unechten Gewissen. Denn nicht schon die Ermahnung der Eltern, frem­des Leben und Eigentum zu achten, nicht die erzieherische Abwehr des Übergriffs durch die Eltern oder begegnende Menschen oder gar die Androhung von Strafen führt zum Bewusstsein eines echten Gewissens. Wo nur auf Ermahnung, "erzieherische" Abrichtung und Abwehr abgestellt wird, entfaltet sich ein unechtes Gewissen. Es wird zur inneren Nötigung. Die Einstellung der Eltern oder der Erzieher wächst im Kinde zur abgerichteten Forderung oder zur äussern Schranke des Tuns heran. "So etwas tut man nicht" Solches "Gewissen" bleibt an eine fremde, übernommene Wertung gebunden. Nur im Angesicht jener Erzieher besteht der "sittliche" Aufruf Das Bewusstsein, et­was Unerlaubtes, den Eltern oder andern Menschen Missliebiges, dem Gesetz Zuwiderhandelndes getan zu haben, oder gar die Besorgnis und Angst, ertappt, gerügt, gestraft zu werden, hat mit dem Bewusstsein des echten Gewissens nichts zu tun. Im Gegenteil. Solche Erziehungsmethoden schwächen und ver­lagern leicht den inneren Quellgrund des Gewissens. Schon gar nicht ist das Bewusstsein des Rechts hier anzusprechen. Rechtliche Haltung ruht auf andern Voraussetzungen und mischt sich nicht immer sinnvoll in das echte Ge­wissen. Die innere Bereitschaft, äussere Forderungen zu übertreten, verharrt quer zum unechten Gewissen, oft auch zum rechtlich Geforderten. Das Verbo­tene unbemerkt zu tun, findet im Kinde - allein gelassen - keine innere Schran­ke. Es hat sogar seinen eigenen Reiz. Das gilt auch für den jugendlichen und erwachsenen Menschen. Wann immer das Gewissen in überkommener, frem­der Beeinflussung wurzelt, ist es in unbemerkbarer Lage kein Damm gegen die eigenen Durchsetzungsbedürfnisse und den widersittlichen Übergriff. Wo der Mensch sich in seiner persönlichen Entscheidung allein vorfindet, ist nur das echte Gewissen wirksam.

Sittlich abträglich ist auch das religiös bestimmte unechte Gewissen. Wenn dogmatische Lehre das Gewissen an tradierte, persönlich nicht erlebbare Glaubensformen bindet, wenn sie gar Vorstellungen der Sündhaftigkeit und jenseitiger Sühne und Strafe weckt, schlägt sie das echte Sittlichkeitsbewusst­sein nieder. Jenseitsangst verdirbt das Sittliche im Menschen.

Das echte Gewissen erwächst nicht anerzogenen Verhaltensformen. Es bil­det sich an persönlichen Vorbildern entlang. Es ist die erwachende Geistigkeit des Menschen selbst, die das Gewissen weckt. Das soll im dritten Teil dieses Buches gezeigt werden.

Das Gewissen kann ein gutes oder ein schlechtes sein. Ein "gutes Gewis­sen kann es als dauernde Lebenseinstellung nicht geben. Allenfalls klingt das dankbare Gefühl, eine Aufgabe erfüllt, einer Versuchung widerstanden zu ha­ben, als innere Beruhigung und Selbstbejahung eine Weile nach. Aber für ein andauernd gutes Gewissen ist kein Anlass gegeben. ,Das gute Gewissen", hatte Albert Schweitzer gesagt, "ist eine Erfindung des Teufels."9 Der Mensch kann nicht ganz im Geistigen stehen. Er muss die Spannung zwischen geistiger Hin­gabe und Selbstdurchsetzung in sich selber immer neu austragen. Sein Leben selbst lässt ihn schuldig werden. Solche Schuld muss er bestehen.

Das .,schlechte Gewissen ist sporadisches und innerlich aktives Aufflam­men des Bewusstseins um sittliches Versagen. Es ist sittlich wirksam, wenn es zugleich zur Wiedergutmachung und zum neuen inneren Aufschwung drängt. Das schlechte Gewissen hat nur Wert als spontaner innerer Aufruf zur aktuel­len Vertiefung der eigenen sittlichen Kräfte und zur Neubelebung sittlicher Tat. Das Bedürfnis der Sühne kann das Gefühl der Schuld nicht tilgen. Es ist der untaugliche Versuch, sich reinzuwaschen. Von aussen als Strafe auferlegte Sühne hat nichts mit Sittlichkeit zu tun. Sie ist eine Farce. Sie bemäntelt das Versagen. Sie spiegelt dem Schuldigen und anderen vor, von Schuld befreit zu haben. Die Erfahrung menschlicher Vergebung ist Linderung und Erleichte­rung des Schuldgefühls. Das Bewusstsein göttlicher Gnade ist Erlösung von untragbarer Belastung. Aber Vergebung und Gnade sind für das Schuldgefühl nur dann sittliche Läuterung, wenn sie zu neuer geistiger Kraft erwecken.

Ein dauernd schlechtes Gewissen ist schlecht. Es schlägt die Einstellung des Menschen zu sich selber nieder und verschüttet ihn in seiner Grundgestimmtheit und in der Achtung vor sich selbst. Selbstachtung ist Vorausset­zung für die Achtung und Wertung anderer Menschen und anderer Wesen. Wer selbst sich verachtet, verdirbt. So zeigt sich Dostojewskis "Rufer aus dem Untergrund". Er weiss sich im Zuge der aufkommenden modernen Dekadenz als ein geistig Verdammter. Er verliert die Achtung vor sich selbst. So versiegt auch die Kraft seiner Liebe zu Lisa.10

Dem schlechten Gewissen entspricht das sittliche Schuldgefiihl. Hier ist nicht zu sprechen von rechtlicher und wirtschaftlicher Schuld. Im Wirtschafts­leben ist die Schuld ein Zahlungs- oder Lieferungsversprechen. Im Rechtsleben ist sie strafrechtliche Zurechnung eines Vergehens oder einer Unterlas­sung im Hinblick auf die Übertretung gesetzlicher Regelung. Die Ahndung erfolgt als Strafe. Sie setzt den beweisbaren Tatbestand und die Zurechnungs­fähigkeit des Täters voraus. Sie unterscheidet Strafhandlungen aus gezielter Absicht und aus Fahrlässigkeit. Keine Strafe ohne Gesetz! Rechtliche Strafandrohung verfolgt verschiedene Zwecke. Sie dient dazu, dem Gesetz selbst Nachachtung zu verschaffen, vor der gesetzwidrigen Tat abzuschrecken, das Vergehen zu sühnen, die Opfer der Tat oder ihre Berechtigten und Nachfahren für ihre Einbusse zu entschädigen und erlittenes Unrecht zu vergelten. Ihr obliegt, die Gesellschaft durch geeignete Massnahmen vor Rechtsbrechern zu schützen und zu sichern. Die rechtliche Ahndung dient nicht der Besserung des Täters. Die Fehlhandlung als solche, nicht die sittliche Gesinnung ist die tragende Grundlage der Strafzumessung. Die Gesinnung des Täten kann frei­lich miterwogen werden.

Ganz anders steht es um das sittliche Schuldgefühl. Es fliesst einzig aus der Selbstbeurteilung der inneren Haltung und der eigenen sittlichen Gesin­nung. Wer einen andern Menschen absichtslos verletzt oder geschädigt hat, leidet nicht am äusseren Zufall des Geschehens, sondern an den ganz persön­lichen Umständen und Voraussetzungen, die ihn dazu führten. Auch wenn die Tat nicht feststellbar oder nicht beweisbar ist, bleibt das Schuldgefühl. Es er­wacht auch bei innerer Kränkung oder Blossstellung eines andern Menschen. Es umkreist das eigene Verhalten.

Es gibt freilich auch Fehlformen vermeintlich sittlichen Schuldgefühls. Sie wurzeln im unechten Gewissen. Ein Mensch, der in frühen Jahren aus fal­scher, fordernder Autorität, durch Drohungen und Strafen der Eltern, Miterzieher oder Lehrer genötigt wurde, seine Handlungen auf äussere Normen abzustützen, verfällt leicht durch sein unechtes Gewissen auch falschem Schuld­gefühl. Oftmalige, moralistische Missbilligung, Unzufriedenheitsbekundung und Abwertung durch die "Erzieher" oder gar das Erlebnis des Liebesentzugs verfärben bald das innere Schuldgefühl. Angst vor Liebesverlust, Blossstellung und Strafe begründet immer unechtes Schuldgefühl. Solche Nachwirkungen falscher Erziehung sind in sittlicher Hinsicht abbauend und gefährdend. Reli­giöse Strafangst wirkt sich oft verheerend aus.

Leicht verfällt der durch unechte Schuldgefühle belastete Mensch einer Fehlentwicklung seines Lebens. Selbstanklage und Verworfenheitsgefühl kön­nen die Folge sein. Die Abschattung des eigenen Stimmungsgrundes mit all ihren negativen Auswirkungen der Mutlosigkeit, der Lern- und Arbeitsunfä­higkeit, der Apathie und Depression, der Selbstverachtung, des Schamgefühls und selbstquälerischer Unterwürfigkeit, kompensatorisches Bedürfnis der Selbstbestrafung, innere Verzweiflung und Selbsttötungserwägungen können daraus folgen. Verdrängung falschen Schuldgefühls kann auch zu neurotischen Fehlleistungen führen wie Erröten, Stottern, Asthma, Schlaflosigkeit oder ver­schiedensten Zwangsneurosen. Überlastung des persönlichen Schuldgefühls führt oft zur inneren Verneinung eigener Schuld. Leicht kippt der Mensch aus solcher Haltung in negative Grundgestimmtheit, in Verlassenheits- und Einsamkeitsgefühle, in Verachtung und Hass gegen die bedrängende Autorität. Opposition gegen die Eltern und Erzieher; gegen Gesellschaft und Recht, ja, eine allgemeine Verachtung des Menschen und des geistigen Anspruchs kön­nen die Folge sein. Bandenbildung und Kriminalität haben hier eine Wurzel. Terrorismus und Kriegsbereitschaft finden darin Nahrung.

Das echte Schuldgefühl ruft zu neuen Kräften geistiger Hingabefähigkeit auf Die eigene Schuld einzugestehen, allenfalls die Bitte um Vergebung und die Bereitschaft, die Folgen auf sich zu nehmen, rufen eine Erneuerung der sittlichen Haltung wach, die das persönliche Leben in seiner Tiefe zu wandeln vermag. So gelangt Raskolnikow in Dostojewskis "Schuld und Strafe" mit Sonjas Hilfe zum Durchbruch eines reinen Schuldgefühls und zur Bereitschaft, seine furchtbare Tat öffentlich zu bekennen. "Wie ein Anfall überkam es ihn, ein Funke schien in seiner Seele aufzuleuchten, und wie Feuer erfüllte es sein Inneres. Plötzlich wurde er weich, und Tränenströme entstürzten seinen Au­gen; so, wie er stand, fiel er auf die Erde nieder. Mitten auf dem Platz lag er auf den Knien, beugte sich gegen die Erde und küsste den schmutzigen Boden mit einer Befriedigung und wie voll Glück. Dann erhob er sich und neigte sich zum zweitenmal."11 Einer inneren Auferstehung gleich ist ihm ein neues Le­ben geschenkt.

Vielleicht hat niemand die Weisen des Schuldgefühls und des Gewissens aus so eigenem Erfahren und Erleben und mit solcher Eindringlichkeit ge­schildert wie Dostojewski. In den "Brüdern Karamasow" hat er das eigene, bittere Schuldgefühl in seiner Einstellung zu seinem Vater, zu seinen frühen politischen Umtrieben und zur zerstörenden Spielsucht seiner Frühzeit viel­fältig durchforscht und verarbeitet. So stellt er die menschlich tragende Demut des Eingeständnisses gegen die Eitelkeit des Stolzes. Den Starez Sossima lässt er in der Aufzeichnung Aljoschas von sich berichten, wie er als junger Mensch - trotz der eigenen Schmach, die es damals bedeuten musste - mitten im Duell, nach dem ersten Schuss seines Widersachers, seine eigene Schuld offen be­kennt, um Vergebung bittet und auf die Fortsetzung des Kampfes verzichtet. Und er schildert, wie sich solche, dem Zeitgeist widerliche und schmähliche Haltung als innerlich reiche und schliesslich auch von aussen als ehrenvoll gewürdigte Einstellung erweist. Der "geheimnisvolle Gast", der vierzehn Jah­re lang das Geständnis seiner Eifersucht und der Ermordung seiner Geliebten verschweigt, bekundet dem Starez seine Schuld und gesteht - obwohl niemand dem hochgeschätzten Bürger glaubt - öffentlich seinen Mord. Gerade hier­durch aber gewinnt er noch im Sterben Freude und Frieden in seiner gequälten Seele: "Mein Herz ist heiter wie im Paradies."12

So ringt sich auch Dmitrie Karamasow in Dostojewskis Roman dazu durch, die eigene Schuld quer zum irrtümlichen Schuldspruch der Justiz auf sich zu nehmen. Er hat seinen Vater selbst nicht getötet. Aber er ist sich bewusst, die­sen Mord sehr wohl gewünscht1 beabsichtigt, ja erwogen zu haben. Seine in­nere Schmach, das Geld seiner Braut zur Hälfte verprasst zu haben, den Rest für die Entführung seiner neuen Geliebten zurückzubehalten, die Kraft nicht zu haben, wenigstens das Verbliebene zurückzugeben und so in seiner eigenen Sicht zum "Schurken", zum "leichtsinnigen Schuft", zum "wilden Tier" herabzusinken, ja, sich letztlich eingestehen zu müssen: "Du bist ein Dieb!" - dieses Schuldgefühl anzunehmen ist seine innere Rettung. Hier hört man Dostojewski rückblickend selber zu sich sprechen. Im Namen des Menschen schlechthin nimmt er seine Schuld auf sich. Und so lässt er Dmitrie sagen: "Für sie alle werde ich nach Sibirien wandern; es ist ja doch wohl nötig, dass irgendwer auch für sie alle dahin geht. Ich habe meinen Vater nicht getötet, ich muss aber trotzdem dahin gehen. Ich nehme es auf mich."13 Zum eigenen ech­ten Schuldbewusstsein stehen, vernichtet den Menschen nicht. Es erhöht ihn. Wenn er sich zu neuen sittlichen Kräften aufschwingt.

Das unbewältigte Schuldgefühl aber wirkt zerstörend. Es drückt den Men­schen nieder. Es vernichtet seine sittliche Zuwendungskraft. So endet Iwan in den "Brüdern Karamasow". Er ist es, der den Diener Smerdjakow aus den Abgründen seines Hasses zur Durchführung des Mordes angestiftet hat. Und wenn auch der Diener seinen eigenen Vorteil mitverfolgte, wenn nach dessen Selbstmord niemand mehr Iwan zu beschuldigen vermag, so bleibt doch die furchtbare Sprache der inneren Gewissheit um die eigene Schuld. Die philoso­phischen Ideen lwans zerschellen an den Tiefen des Gewissens. Sein innerer Teufel setzt ihm zu. Er endet in selbstquälerischer Zerrissenheit und geistiger Umnachtung. Zwar ist er zur Selbstanklage vor Gericht bereit, doch tut er es bis zuletzt aus dem zwielichtigen Bedürfnis, tugendhaft zu sein. Sein jüngerer Bruder Aljoscha durchschaut ihn und betet für seine Erlösung. "Das sind die Qualen eines stolzen Entschlusses", sagt er sich, doch er weiss: "Das ist das Gewissen in der Tiefe."14

Es gibt auch das "Vergessen" der eigenen Schuld. "In einem solchen Ver­gessen erstickt der geistig-sittliche Auftrag des Menschen."15

Das sittliche Schuldgefühl ist ganz persönlich. Rechtlich kann kollektive Schuld zugemessen werden. Auch gibt es Mitverantwortung für die Angehöri­gen, für unselbständige Kinder, für geistig Behinderte. Den Anvertrauten ge­genüber ist der Mensch auch sittlich verantwortlich. Es gibt stellvertretende Verantwortung für das Tun anderer Menschen, Gemeinschaften, Gruppen, für die eigenen Unternehmungen, für politische Führung und Praktik. Dem an­dern Menschen, dem gemeinschaftlich oder volkhaft Verbundenen zur geisti­gen Haltung aufzuhelfen, ist der Mensch immer aufgerufen. Der Widerstand gegen das als unsittlich Durchschaute ist stets geboten. Eine kollektive sittli­che Schuld aber kann es nicht geben. Alles Sittliche ist persönlich.

 

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8 Platon: Apologie des Sokrates 31 D: "Mir aber ist dieses von meiner Kindheit an geschehen, eine Stimme nämlich, welche jedesmal, wenn sie sich hören lässt, mir von etwas abredet, was ich tun will; zugeredet aber hat sie mir nie." Platon: Des Sokrates Verteidigung. Übersetzt von Friedrich Schleiermacher. Sämtliche Werke. Hamburg: Rowohlt 1957 ff, Bd. I, S.22; Vgl. Xenophon: Memorabilis IV, 8,5 u. 6; Erinnerungen an Sokrates. Stuttgart: Re­clam, Nr.1855,S.146 f Zum Text

9 Schweitzer Albert: Kultur und Ethik. Sonderausgabe mit Einschluss von "Verfall und Wie­deraufbau der Kultur." München: Beck 1960,S.340 Zum Text

10 Dostojewskij. Fjodor M.: Aufzeichnungen aus dem Untergrund. Eine Erzählung. Aus dem Russischen von E. K. Rasin. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1985.S. 100 ff Zum Text

11 Dostojewski. Fjodor M: Raskolnikoff. Schuld und Sühne. Deutsch von Hans Moser bear­beitet von L. Winter (ungekürzte Ausgabe). München: Goldmann Verlag 1960, 5.487; neu übertragen von Swetlana Geier: Verbrechen und Strafe. Zürich: Ammann 19942 Zum Text

12 Dostojewskij, Fjodor M.: Die Brüder Karamasow. Roman. Aus dem Russischen von Karl Nötzel. Frankfurt aM.: Insel Verlag (Sämtliche Romane und Erzählungen, Bd.14), Bd. l, 5.537 Zum Text

13 ebenda,Bd.2, S.1010 Zum Text

14 ebenda, Bd.2, S. 1118 Zum Text

15 Heinrichs, Dirk: Fallkraft der Feigheit. Treue und Treuebruch. Das Vergessen des Bösen. Drei Essays zur politischen Kultur. Stuttgart: Radius Verlag 1998, S. 152 Zum Text