Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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Hans Ebeling
Gewalt und Gewissen. Das verborgene Eine.
Würzburg [Königshausen & Neumann] 1999

Im ersten Teil des Buches setzt sich der Autor mit Martin Heidegger auseinander, dem er vorwirft, das "Eine" aufgegeben zu haben, worunter er "den Bezug versteht, in dem Menschen als Menschen stehen: zwischen dem Sein und dem Sollen". (S. 17) Diesen Bezug habe Heidegger "vergessen". Heidegger lehre stattdessen eine "Seinshörigkeit", die die Macht des Gewissens angesichts der Übermacht der Gewalt verschwinden lasse. Ebeling beruft sich hierbei auf die "sog. Gewissensanalytik" in Heideggers Sein und Zeit sowie seine "faschistische Kontamination von Gewalt und Gewissen, die ihn irreversibel bis zum Schluß begleitet". (S. 18)

Mit Zitaten aus Heideggers Werken, wie "Das Dasein ist als solches schuldig" belegt Ebeling, dass das Dasein damit gleichgültig wird gegenüber jedem spezifischen und konkreten Schuldigsein. Der einzige Imperativ, dem das Heideggersche Gewissen-haben-wollen unterstehe, sei die Selbsterfüllung. Es gehe ihm um "Eigentlichkeit", wobei dieser Eigentlichkeit keine Moralität eigen ist. (S. 22) Indem Heidegger in seiner Gewissensanalyse von Recht und Moral absehe, bleibe er offen für jede Option, auch für die des Faschismus. Wegen dieser abgründigen Rechts- und Moralvergessenheit habe er seit 1933 zu einem der gefährlichsten Zuarbeiter des Nationalsozialismus werden können.

Im zweiten Teil des Buches geht es dem Autor um eine systematische nähere Bestimmung des Bezugs zwischen Sein und Sollen, in dem der Mensch als Mensch steht, also eine nähere Bestimmung des "Einen". Der Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er Gewissen haben will. Diesem Wollen liegt sein Subjektsein zugrunde. Denn Subjekt ist der Mensch insofern als er Einheit von Vernunft (im Sinne des Prinzips der Universalisierbarkeit von Handlungsmaximen) und Widerstand gegen das Gegebene ist. (S. 55) Die Empörung, der Aufruhr gegen das als Unrecht Empfundene gegen das Gegebene ist unmittelbar in das Subjekt "eingearbeitet" und tritt nicht erst später als Resultat vernünftiger Reflexion dazu. (S. 60) In diesem Zusammenhang setzt sich der Autor mit der Habermasschen Diskusrtheorie der Moral kritisch auseinander. Das Diskursprinzip, bzw. Demokratieprinzip beruhe bereits auf einer Vorstellung von Recht und könne dieses nicht erst hervorbringen. (S. 67)

"Das Einssein des Subjekts mit dem Einen selbst begründet ... die Identität der Person." Der moralisch legitimierte vernünftige Widerstand gegen das Unrecht eint die Person im Akt der Identitätsbildung. (S. 68)

Ebeling vertritt entgegen Kant die These, dass es auch Gewaltanwendung aus Gewissensgründen geben kann als praktische Gegen-Gewalt gegen Unrechtsverhältnisse, wie sie etwa in den unmenschlichen Diktaturen des 20. Jahrhunderts aufgetreten sind. "Wer nämlich angesichts der auf Massenliquidation angelegten Terrorregime nicht interveniert, gibt sich selbst preis und bringt sich damit von selbst um sein Subjektsein aus mangelndem Einssein mit der Aufgabe der Vernunft." (S. 70)

Conscientia (Gewissen) "ist immer schon das mit allem Faktischen mitgesetzte Bewußtsein des Überfaktischen und kann deshalb auch die spezifischen Varianten des religiösen, des politischen, des rechtlichen Gewissens entwickeln, nicht lediglich die des 'bloß' Moralischen." (S. 80)

Zu den grunedlegenden Irrtümern Heideggers gehört nach Ebeling die Auffassung, 'Welt' sei auch nur beschreibbar ohne Vorschrift. Sein läßt sich nicht ermitteln ohne das Sollen. (S. 87) Dies ist der Kern des Gedankens vom Weltgericht. Die Preisgabe der Idee eines Weltgerichts, einer ausgleichenden Gerechtigkeit, die das Unrecht ins Unrecht setzt und das Recht ins Recht, bedeutet für Ebeling die Preisgabe der Humanität selbst, wenn es sich dabei auch nur um eine regulative Idee handeln könne. (S. 90) [pt]