Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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Robert Spaemann
Personen. Versuche über den Unterschied zwischen "etwas" und "jemand"
Stuttgart (Klett-Cotta) 1. Aufl. 1996

Das Buch beschäftigt sich mit einer Explikation des Begriffs der Person. Im 14. Kapitel befaßt sich der Autor mit dem Gewissen.

Die Verantwortung für mich selbst vor mir selbst setzt deren Anerkennung durch mich voraus. Diese ist dadurch möglich, daß sich der Mensch von allen Interessen, auch seinen eigenen distanzieren kann. Die "Stimme", die insbesondere diese eigenen Interessen distanziert und uns bei einem Konflikt zwischen unseren Interessen und denen anderer eine "objektive" Abwägung ermöglicht, nennen wir Gewissen. Das Gewissen ist eine "Stimme von nirgendwo", die dem für die Person charakteristischen view from nowhere entspricht. Das Gewissen ist nicht identisch mit dem Über-Ich der Psychologie. Denn von Gewissen kann nur die Rede sein, wenn auch die Forderungen des Über-Ich zu dem Bestand gehören, der distanziert und der Rechtfertigung und Verantwortung unterworfen wurde. (S. 177)

Gewissen zu haben, ist das eindeutigste Signum der Person. Es vereinzelt den Menschen radikal und entreißt ihn zugleich jedem egozentrischen Individualismus. (S. 178) Die radikale Vereinzelung der Person in der Erfahrung des Gewissens erstreckt sich auch auf die Maßstäbe des Guten und des Bösen, an denen diese Verantwortung sich orientiert. Auch diese Maßstäbe müssen von der Person verantwortet werden. (S. 179) Das scheint in einen circulus vitiosus zu führen, weil sich sofort die Frage nach dem Maßstab der damit verlangten Entscheidungen stellt. Aber die Verantwortung der Maßstäbe unseres Handelns hat nicht die Form einer Wahl, die aus Gründen zu treffen wäre, die der Wählende kennen müßte. (S. 179) Denn sittliche Gründe bedürfen keiner weiteren Begründung. Auf die Frage "Warum willst du nicht tun, was Böse ist" läßt sich nur antworten: "Weil es böse ist." Gründe, die einfach gut sind oder deren Gegenteil böse wäre, sind sittliche Gründe. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß sie im Konflikt mit Gründen anderer Art immer ausschlaggebend sind. Das unterscheidet sie z.B. von Interessen, weil diese beim Konflikt mit anderen Interessen hintanstehen können. (S. 180) Wenn sich ein sittlicher Grund im Konflikt mit unseren Interessen meldet, sprechen wir von Gewissen.

Das Gewissen macht die Würde der Person aus, weil es allein den einzelnen Menschen selbst zum Richter letzter Instanz in eigener Sache macht. Allerdings muß die Person imstande sein, das Sittliche zu erkennen, sie muß also über praktische Vernunft verfügen. Das Gewissen ist kein irrationales Orakel, das die Vernunft ersetzen könnte, wenngleich das Urteil der Vernunft häufig durch intuitive Gewißheit antizipiert wird. Die Vernunft ist indifferent dagegen, um wessen Vernunft es sich handelt. Sie ist universal, d.h. als Vernunftobjekte sind Menschen prinzipiell einer durch den anderen ersetzbar. Deshalb kann prinzipiell jeder in eigener Sache Richter sein. Tatsächlich ist es allerdings so, daß das partikulare momentane Interesse unser Urteil in eigener Sache trüben kann. Angesichts dieser Trübung ist es ein Zeichen sittlicher Aufrichtigkeit, wenn jemand bereit ist, seinem Urteil in eigener Sache zu mißtrauen und es in Zweifelsfällen im Gespräch mit anderen zu prüfen. Denn eben wegen der personalen Indifferenz der Vernunft gibt es keinen Grund, das eigene Urteil für besser und verläßlicher zu halten als das Urteil anderer. (S. 181)

Der Gewissensspruch läßt sich als Subsumtion des eigenen Handelns unter eine Regel der sittlichen Vernunft rekonstruieren, wobei die Subsumtion zugleich auch Aufforderungscharakter hat. (S. 182) Die maßgebliche allgemeine sittliche Norm ist Sache der Vernunft und der Einsicht, die das Gewissen noch nicht beansprucht. Die Subsumtion, also das Urteil, wonach mein Handeln unter diese und nicht unter eine andere Regel fällt, ist Sache des Gewissens. Deshalb sollte man von Gewissensurteil, nicht von Gewissensentscheidung sprechen. Dieser letztgenannte Begriff ist irreführend, denn Entscheidungen können dem Gewissen entsprechen oder widersprechen. Wenn sie dem Gewissen entsprechen, dann heißt das aber nicht, daß das Gewissen entschieden hat, sondern daß der Mensch so entschieden hat, wie es dem Urteil des Gewissens entspricht. (S. 183)

Die Subsumtion findet häufig nicht ausdrücklich statt, denn oft wissen wir das Rechte schon, bevor wir die Regel kennen, aus der es sich herleiten läßt. Ja oft wissen wir das Richtige auch mit größerer Gewißheit als die Regel.

Die am Sittlichen orientierte Entscheidung orientiert sich an universalen Regeln, weil Menschen als "rationabilis natura" bewußt an der gemeinsamen Vernunft teilhaben. Personen beanspruchen insoweit nicht, Ausnahmen zu sein. Ausnahme sein möchte nämlich jeder. (S. 183)

Davon gibt es nur eine Ausnahme, nämlich wenn der Mensch durch die Stimme Gottes einen Handlungsauftrag erfährt (z.B. die Stimme, die Abraham auffordert, seinen Sohn zu töten). (S. 183f.)

"Das Gewissen ist absolut in dem Sinn, daß an ihm vorbei oder gegen es kein Leben möglich ist, das als Darstellung der Person gelten kann." Das bedeutet aber nicht, daß jedes gewissensmäßige Leben auch ein gutes Leben ist. Denn nicht alles, was das Gewissen gebietet, muß schon deshalb gut sein. (S. 185) Das Gewissen kann vielmehr irren. (S. 186). Die Auffassung, ein irrendes Gewissen verpflichte genauso wie ein nicht irrendes und wer ihm folge, handele immer gut, trifft nicht zu, weil anders Gut und Böse keine vom Gewissen unabhängige Größen wären, an denen jenes sich orientieren kann. (S. 186) Andererseits ist es aber immer schlecht, dem eigenen Gewissensurteil entgegen zu handeln. Wessen Gewissen sich irrt, der kann also gar nicht gut handeln. Daß man trotz guten Gewissens böse handeln kann zeigt der Fall, daß jemand frühere Handlungen bereut, deren Boshaftigkeit ihm erst später aufgeht. (S. 187)

Für den Gewissensirrtum gilt Ähnliches wie für den theoretischen Irrtum. Irrige theoretische Auffassung geraten irgendwann in Konflikt mit der Erfahrung, Gewissensirrtümer stellen sich heraus, wenn jemand nicht bereit ist, alle Konsequenzen zu tragen, die sich aus seinem Irrtum ergeben. Der sicherste Weg, Gewissensirrtümer zu erkennen, liegt darin, dem Gewissen so gewissenhaft wie möglich zu folgen. Dann entfaltet das Gewissen eine Eigendynamik der Selbstaufklärung. (S. 188)

Der Staat ist nicht verpflichtet, die Nichterfüllung bestimmter Bürgerpflichten aus Gewissensgründen hinzunehmen. Tut er es doch, dann aus Toleranz, deren Gewährung davon abhängen muß, wie groß der Schaden ist, den er dadurch tragen muß. "Vom Gewissen gebotene Handlungen, die mit dem Gesetz unvereinbar sind, kann kein Staat tolerieren." Der Gewissenstäter kann nicht Toleranz wollen, sondern er muß wollen, daß das, was er für Recht hält, zur Grundlage des allgemeinen Gesetzes wird. "Die Respektierung der Person in ihrem Heiligtum, dem Gewissen, schließt nicht einmal aus, daß man einen Menschen veranlaßt, gegen sein Gewissen zu handeln. Wenn wir seine Handlungen oder Unterlassungen für objektiv falsch und für Unrecht halten, dann werden wir versuchen, ihn dazu zu veranlassen, das Rechte zu tun und das Unrechte zu unterlassen, ohne zu fragen, wie es mit seinem Gewissen steht." (S. 189) Nur die physische Folter, die dahin zielt, den anderen als Handungssubjekt zu brechen und ihn zu Handlungen zu veranlassen, die nicht mehr frei genannt werden können, ist unzulässig. Allein die Drohung mit dem Tode vernichtet die Handlungsfreiheit dagegen nicht. "Es muß jedem Menschen zugemutet werden können, bestimmte Handlungen auch um den Preis des Lebens zu unterlassen. Und umgekehrt war die Bereitschaft zum Tod immer ein Kriterium dafür, daß jemand seinem Gewissen folgt. Die Folter aber stellt die Freiheit nicht auf die Probe, sondern zielt darauf ab, sie zu vernichten." (S. 190) [pt]