Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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Guardini, Romano
Ethik. Vorlesungen an der Universität München
Aus dem Nachlaß hrsg.v. Hans Mercker 2 Bde
Mainz ( Matthias Grünewald Verlag) / Paderborn (Ferdinand Schöning) 1. Aufl. 1993
1. Band

Das Gute ist die Wahrheit des Seienden, sofern sie mir zur Aufgabe meines Handelns wird. Das Gute ist für mich verbindlich, weil das Seiende mir anvertraut ist. Das Gute drängt an den Geist, das Herz und das Gewissen. "Ich wünsche, daß Gute sollte überall geschehen" lautet der allgemeine Wunsch. Diese Forderung bestimmt den sittlichen Charakter der Existenz. Der Verpflichtungscharakter liegt in der Evidenz des Guten selbst, das letztlich nur religiös verstanden werden kann, nämlich als Heiligkeit Gottes. Mein Wesen verlangt, daß ich in mir das Reich des Guten schaffe. Das Gute ist deshalb für den Einzelnen die Verwirklichung seiner selbst.
Sittlich handeln heißt, nach seinem Gewissen zu handeln - vorausgesetzt, daß dieses Gewissen selbst ist, wie es seinem Wesen nach sein soll. Das Gewissen ist das Organ für die Forderung des Guten, so wie es sich in einer bestimmten Situation ausdrückt. In seiner allgemeinsten Form ist das Gewissen das immerfort wirksame Gefühl, überhaupt unter der ethischen Forderung zu stehen. Menschsein heißt, unter der Verantwortung für das Dasein, unter dem Anruf des Gewissens zu stehen.
Das Gewissen ist das Zentrum des Menschen, von ihm her fallen Entscheidungen in all dem, was die Lebensführung betrifft. Deshalb bedarf das Gewissen der Bildung.
Verantwortung bedeutet, daß meine Handlung aus meiner Entscheidung hervorgeht und nicht aus der eines anderen. (S. 58) [pt]