Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
Zur Startseite


Habermas, Jürgen
Faktizität und Geltung
Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats
Frankfurt/M [Suhrkamp] 3. Aufl. 1993

Das Recht gleicht das Defizit aus, das durch den Zerfall der traditionalen Sittlichkeit entstanden ist. Denn die autonome, allein auf Vernunftgründe gestützte Moral kommt nur noch für richtige Urteile auf und ist von traditionell eingewöhnter Praxis abgelöst. (S. 145) Der Handlungsbezug der Moral wird nur durch die Handelnden selbst aktualisiert. Dazu müssen diese durch ihr Gewissen disponiert sein. (S. 145) Eine Vernunftmoral ist deshalb auf Sozialisationsprozesse angewiesen, die korrespondierende Gewissensinstanzen hervorbringen. Über die schwache Motivationskraft guter Gründe hinaus erlangt sie Handlungswirksamkeit einzig über die internalisierte Verankerung moralischer Grundsätze im Persönlichkeitssystem. Der Transfer vom Wissen zum Handeln bleibt also ungewiß und die Wirksamkeit der Moral daher beschränkt. Das Recht soll die Moral handlungswirksam ergänzen. Während die moralische Person das moralische Wissen selbständig aneignen, verarbeiten und in Praxis umsetzen muß, ist die Rechtsperson von diesen kognitiven, motivationalen und organisatorischen Anforderungen entlastet. Während moralische Begründungs- und Anwendungsprobleme bei komplexen Fragen oft den Einzelnen überfordern, wird diese kognitive Unbestimmtheit durch die Faktizität der Rechtssetzung absorbiert. (S. 147) Der Gesetzgeber beschließt, was Recht und Unrecht ist, und entzieht damit der Rechtsperson in ihrer Adressatenrolle die Definitionsmacht für die Kriterien der Beurteilung von Recht und Unrecht. (S. 147) Ein Grundrecht der Gewissensfreiheit gegen das Recht kann es danach nicht geben. [pt]