Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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Bernhard Gert
Die moralischen Regeln. Eine neue rationale Begründung der Moral
Frankfurt [Suhrkamp] 1983

10. Warum sollte man moralisch sein?

Die Frage stellt sich dann, wenn es nicht im eigenen Selbstinteresse liegt, sich an die moralischen Regeln zu halten. (S. 259) Es gibt keine zwingende Antwort auf diese Frage (S. 260) Man kann nur sagen: Man sollte moralisch sein, weil man andernfalls verursacht, dass jemand ein Übel erleidet. (S. 264)

Diese Antwort gilt jedoch nicht notwendig für alle Regeln der Moral. Hier muss auf moralische Tugenden Bezug genommen werden: Wenn du wahrhaftig, glaubwürdig, fair, ehrlich und zuverlässig sein willst, dann befolge die Regeln der Moral. Wer die Regeln immer befolgt, formt seinen tugendhaften Charakter. Das kann ein Motiv sein. (S. 266f.)

Eine dritte Antwort ist die, dass moralisch handeln soll, wer vernünftig handeln will, da die Vernunft die Beachtung der moralischen Regeln verlangt, wenn sie öffentlich ist; die Missachtung der Moral lässt sich öffentlich nicht rechtfertigen. (S. 268)

Wer einen moralischen Charakter anstrebt, empfindet Scham, wenn er unmoralisch handelt, d.h. er ist traurig darüber. Wer öffentliche Rationalität anstrebt, empfindet Schuld, wenn er unmoralisch handeln (S. 270) Gewissen ist die öffentliche Einstellung von jemanden. Nach dem Gewissen zu handeln heißt, so zu handeln, wie man es öffentlich befürworten kann. Gegen das Gewissen zu handeln heißt, etwas zu tun, von dem wir wissen, dass wir es öffentlich nicht befürworten würden. (S. 271)

Die rationale Motivation hängt auch zusammen mit dem Begriff der Authentizität oder Integrität. (S. 271)

Wer die moralischen Regeln als Regeln für das Spiel des Lebens auffasst, kann es für unter seiner Würde ansehen, unmoralisch zu sein. Er denkt, wenn er das Spiel nicht ohne Verletzung der Regeln gewinne, verdiene er es nicht, es überhaupt zu gewinnen. (S. 271f.)

Der fundamentalste Grund moralisch zu sein, ist der, dass man anderen Menschen kein Übel zufügen will. Das setzt Mitleid voraus. (S. 272)

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