Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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John Rawls
Eine Theorie der Gerechtigkeit
Frankfurt [Suhrkamp] 1979

Nach dem ersten Grundsatz der materiellen Gerechtigkeit, auf den sich Menschen in einer Situation der Gleichheit (Urzustand) einigen würden, soll jeder Mensch ein gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist. (S. 81) Zu diesen Grundfreiheiten gehört auch die Gewissensfreiheit. (S. 82)
Religiöse und moralische Verpflichtungen werden als absolut bindend empfunden: man kann ihre Erfüllung nicht von anderen Interessen abhängig machen. Wirtschaftliche Vorteile sind kein hinreichender Grund, um weniger als die gleiche Gewissensfreiheit in Kauf zu nehmen. (S. 237)
Die Gewissensfreiheit findet ihre Grenzen an dem gemeinsamen Interesse an öffentlicher Ordnung und Sicherheit (S. 241), denn diese sind Bedingungen der Freiheit selbst (S. 244) Das heißt: Die Gewissensfreiheit ist begrenzt durch die Toleranz gegenüber der Gewissensfreiheit anderer. (S. 247)
Aber auch der Intolerante genießt Gewissensfreiheit. Allerdings hat er, wenn ihm seine Gewissensfreiheit beschnitten wird, kein Recht, sich zu beklagen. Denn niemand kann etwas gegen das Verhalten anderer einwenden, das Grundsätzen entspricht, die er ihnen gegenüber unter entsprechenden Bedingungen zur Rechtfertigung seines eigenen Verhaltens heranziehen würde. Man kann sich nur über die Verletzung von Grundsätzen beklagen, die man selbst einhält. (S. 247)
Wenn intolerante Sekten also auch kein Recht haben, sich über Intoleranz zu beklagen, so haben die toleranten Sekten doch auch kein Recht, sie zu unterdrücken. Denn die Gerechtigkeit ist verletzt, wenn gleiche Freiheit ohne ausreichenden Grund vorenthalten wird. Nur unter einer Bedingung ist das zulässig, nämlich wenn die toleranten Sekten sich durch die Intoleranten in ihrer Existenz bedroht fühlen dürfen. Denn auch im Urzustand würde jeder dem Recht auf Selbsterhaltung zustimmen. Es kann niemals zum Vorteil des Menschen sein, auf dieses Recht zu verzichten. (S. 248) Solange aber die eigene Existenz nicht bedroht ist, gibt es keinen Grund, die Freiheit der Intoleranten nicht zu achten. (S. 249) [pt]

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