Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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Friedrich Kaulbach
Die Frage nach dem Gewissen im Aspekt analytischer Philosophie (1976)
in: Jürgen Blühdorn (Hrsg.): Das Gewissen in der Diskussion
Darmstadt [Wissenschaftliche Buchgesellschaft] 1976 (S. 317ff)

Die analytische Philosophie behandelt Probleme der Ethik indem sie Sätze und Wörter derjenigen Sprache, in der sich Subjekte über ihre Handlungsdevisen und Rechtfertigungsgrundsätze verständigen, logisch analysiert. Der Frage, "was" Gewissen ist, geht sie dabei aus dem Weg. (S. 317) Die Sprache wird nicht in der Funktion betrachtet, auf die Sachen selbst hinzudeuten. Vielmehr sind diese Bedeutungen nur hinsichtlich ihrer Antriebsfunktion für das Handeln wichtig. (S. 318) Diese Einstellung zeigt einen skeptischen Einschlag insofern als sie sich eines Urteils über Wahr und Falsch, Gut und Böse enthält. Die Frage der analytischen Ethik ist: Wie muß das Verhalten eines Menschen beschrieben werden, wenn man dem Sprachgebrauch zufolge berechtigt sein soll zu sagen, jemand handele "mit Gewissen" bzw. jemand handele "gewissenhaft"? (S. 319)

Der richtige Gebrauch solcher Wörter wie "Gewissen" und "gewissenhaft" bemißt sich am Maßstab des sprachlichen Verhaltens, welches ein Kenner und Könner der gesprochenen Sprache übt. Die Sprache der Ethik, so wird vorausgesetzt, kann ihre Funktion, zu Handlungen zu veranlassen, nicht erfüllen, wenn sie mit dem stumpfen Werkzeug ungeklärter und konfuser Bedeutungen arbeitet. Sie bedarf eines Sprachingenieurs, der dieses Werkzeug schärft. Diese Rolle soll der Moralphilosoph übernehmen. Dieser führt den Handelnden also nicht zu tieferer moralischer Einsicht, sondern vervollkommnet nur bei vorausgesetzten moralischen Standards die handlungssteuernde Wirkung der Sprache (S. 321) Von Bedeutung ist dabei jede praktische Auffassung, die sich auf das Handeln auswirkt. Es ist dabei irrelevant, ob diese gut oder böse ist. Wichtig ist nur, ob man sie für gut oder böse hält. Worte wie "richtig" und "gut" werden nicht eigentlich als echte Adjektive betrachtet. Sie bezeichnen keine Eigenschaften, sondern verdeckte Befehle. Es gibt deshalb auch keine Erkenntnis moralischer "Objekte". (S. 322)

Die Sprachkritik besteht darin, die Sprache besser zu verstehen, als sie sich selbst versteht, indem man ein System von Anweisungen festlegt und konstruiert, welche den Gebrauch von Wörtern und Sätzen klar und eindeutig machen. Broad nennt das "definieren". (S. 324) Analyse und Definition führen nicht zu einer bloßen Beschreibung des tatsächlichen Sprachverhaltens, sondern zu einer Regel, wie die Sprache sein soll. Als Kriterium für die Richtigkeit des Sollens fungiert der spracherfahrene Mensch, von dem man annehmen darf, daß er die Wörter "Gewissen" und "gewissenhaft" so definiert, wie es in der Intention der Sprache liegt. (S. 325)

Broad versteht unter einer Handlung aus Moral eine solche, die nicht durch eine natürliche Neigung angeregt wurde, sondern "aus Pflicht". (S. 326) Ein Gewissen haben bedeutet, daß die betreffende Person die kognitiven Fähigkeiten hat, über ihre eigenen vergangenen und künftigen Handlungen zu reflektieren, und daß sie dies auch tut. Diese Reflexion besteht darin, eine Handlung nach einem gegebenen Maßstab zu beurteilen und dann mit "gut" oder "böse" zu bewerten. Weiterhin muß die Person, um Gewissen zu haben, die emotionale Gefühlsdisposition für gewisse spezielle Gefühle wie Reue, Schuld, moralische Billigung oder Mißbilligung gegen sich selbst haben und ausüben. Schließlich muß sie noch über eine Disposition verfügen, das aufzusuchen, was sie für gut hält, und zu vermeiden, was ihr schlecht zu sein scheint. Die Selbstbeurteilung ist unabhängig davon, ob die Person über eine bestimmte Theorie über die Gutheit oder Schlechtheit moralischer Handlungen verfügt. Außerdem ist das Gewissen mit jeder ethischen Theorie verträglich. (S. 327) Besteht die Theorie in einer Verantwortungsethik, so setzt dies ein hohes Maß an Theorie, kausaler Überlegung und faktischem Wissen voraus. (S. 329)

Gegen diese Konzeption bestehen erhebliche Bedenken. Der Maßstab, an dem der Gebrauch des Wortes "Gewissen" zu messen ist, ist durch die vom Sprachanalytiker aufgeklärte ordinary language gegeben (S. 334) Damit wird der Maßstab des Sprechens über Gewissen zugleich auch zum Maßstab für Handlungen aus Gewissen. (S. 334) Der Handlungsstandard, den die analytische Philosophie nicht begründen, sondern voraussetzen will, ergibt sich damit aus der Handlungs- und Sprachmentalität des common sense. Das macht es unmöglich, ein Handeln aus Gewissen gegen die herrschenden Standards zu akzeptieren. Hier gerät die analytische Philosophie in Gegensatz zu Kant, demzufolge das Individuum sich frei für die Maximen entscheiden kann, die es als allgemeines Gesetz zum Handlungsmaßstab machen will, und zwar gerade ohne Bindung an den common sense. (S. 335)

Der Ansatz der analytischen Philosophie berücksichtigt auch nicht, daß der moralische Glaube das Resultat spezifisch praktischen Argumentierens und Miteinanderhandelns ist. Der Handelnde nimmt damit "Stand" auf dem Boden des Allgemeinen, einer praktischen Vernunft. Gewissen erweist sich dann als Gewißheit der Identität des Selbst und des Allgemeinen. Das aber fungiert nicht als empirischer common sense, sondern als apriorischer background des praktischen Denkens, Sprechens und Handelns (S. 336) Der Handelnde, der sich auf sein Gewissen beruft, spricht damit aus, daß er vom Standpunkt des Gemeinsamen aus handelt, wobei er aber gleichzeitig sich auf moralische Visionen stützten kann, die den Zeitgenossen unverständlich sind. Beide Ansprüche - Individualität und das Gemeinsame - sind miteinander vereinbar. Denn derjenige, der auf dem Gemeinsamen Stand genommen hat, darf individuelle Entscheidungen für sich in Anspruch nehmen, auch und gerade dann, wenn er sich für das "Allgemeine" entscheidet. Das Gewissen entscheidet sich dann für allgemeine Prinzipien. Aber diese geben nur die Perspektive ab, in welcher der Handelnde seine konkreten einzelnen Entscheidungen zu treffen hat. (S. 337) So gibt sich im Gewissen die Identität des individuellen Selbst mit dem Allgemeinen zu erkennen. (S. 338) Im Gewissen stehe ich mir selbst als Dialogpartner gegenüber. Deshalb sagt das Gewissen nicht, was ich tun will, sondern, was ich tun soll.(S. 339) Aber das Gewissen hat nur beratende Funktion, es trifft nicht die Entscheidung. Ist aber das Gewissen Dialogpartner, dann ist es selbst aus "dem Stoff der Sprache gewebt", es ist Sprrache. (S. 340) Hier zeigt sich, daß die analytische Philosophie auch zu anderen Ansätzen der Ethik führen kann als zu der unter skeptischem Vorzeichen. Diese erschließen sich, wenn den sprachlichen Bedeutungen nicht nur die Funktion des Antriebes zu Handlungen zugewiesen wird, sondern wenn Sprache das Medium einer dialogischen Geschichte ist. (S. 342) [pt]