Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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René Marcic:
Geschichte der Rechtsphilosophie. Schwerpunkte - Kontrapunkte
Freiburg:[Rombach] 1971

"Können Staat und Gesellschaft Sokrates rechtlich verkraften, dergestalt, dass der Nonformist nicht mehr unbedingt den Schierlingsbecher zu trinken braucht, dass er vielmehr unter Umständen ein Recht, sein Recht auf Anerkennung des eigenen, abweichenden Standpunktes wirksam gegen die Mehrheit, die Allgemeinheit geltend zu machen vermag? Sie können es - und sollten es. Denn die Mehrheit ist qua Mehrheit nicht unfehlbar; es kann durchaus sein, dass der Einzelne, das Individuum im Recht ist (Negation des Prinzips menschlicher Infallibilität, Verwerfung des Prinzips des menschlichen Absolutheitsanspruchs). Dass Drückeberger, Narren, Sonderlinge, Feinde der Freiheit sich hinter dem Ernst, den der Schutz des Grundrechts voraussetzt, verstecken können, - das ist das Risiko, welches wir, solange wir uns als freiheitliche, rechtstaatliche Demokratie eingerichtet wissen wollen, tragen sollten."(S. 85f.)

"Die Erfahrung enthüllt, dass die Gefahren des Machtmissbrauchs allezeit unverhältnismäßig bedrohlicher sind als die des Freiheitsmissbrauchs. Jene währen fort, nehmen zusehends handfeste Gestalt an, wachsen sich bald und leicht zur institutionellen Staatsomnipotenz, zum Totalitarismus, zur Despotie, zur Diktatur und zur Tyrannis aus, die der Mensch nur schwer abzuschütteln vermag. Die Gefahr der Anarchie ist in den Köpfen von ängstlichen Schriftstellern gewaltig, in der Wirklichkeit nahm sie sich - wie die bisherige Erfahrung lehrt - gering aus und hielt schlechtenstenfalls eine kurze Weile an. Zerstreut sich eine Gemeinschaft, sammeln sich die Glieder augenblicklich zu einem neuen Verband. Es ist müßig, einen Stein ins Wasser zu werfen, in der Hoffnung, der aufgerissene Trichter werde offen bleiben. Abermals, die wirkliche Gefahr ist der Universalismus, nicht der Individualismus; es sei denn, der Individualismus schlägt in den Kollektivismus um. Dem Kollektivismus und Universalismus ist gemein, dass sie den Menschen im Hier und Jetzt fremden Zwecken opfern, zum reinen Mittel oder Werkzeug herabwürdigen, gänzlich entwürdigen um des 'Ganzen' oder um der 'Zukunft' willen." (S. 101/102)

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