Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
Zur Startseite


Friedrich Kümmel
Zum Problem des Gewissens (1969)
in: Jürgen Blühdorn (Hrsg.): Das Gewissen in der Diskussion
Darmstadt ( WBG) 1. Aufl. 1976 S. 441ff.

Meint Gewissen primär ein Mitwissen mit anderen bzw. ein Gewusstwerden von anderen (worauf die Etymologie des Begriffs hinweist) oder handelt es sich um ein Sich-selbst-Wissen der Person im Gewissen, eine moralische Selbstbeurteilung? (S. 442) Eine dritte Betrachtungsweise verweist auf die historische Relativität und soziale Bedingtheit des Gewissens. Dabei wird die Absolutheit und Unbedingtheit des Gewissens bezweifelt und seine Ursprünglichkeit in Frage gestellt. Es erscheint als ein Niederschlag kollektiver Normen in der Seele des Einzelnen, als Produkt der Erziehung.

Eine wesentliche Schwierigkeit dieser Vorstellung liegt darin, dass freiheitliche soziale Verhältnisse weniger fähig wären, ein Gewissen zu erzeugen, obwohl gerade sie mehr Gewissen verlangen und stärker auf es angewiesen sind. Schwierig ist es auch, die Möglichkeit der Auflehnung des Gewissens gegen äußere Autoritäten im Namen der Wahrheit und Gerechtigkeit in ein solches Konzept einzufügen. (S. 443)

Die Möglichkeit, ein Gewissen zu haben, ist ein allgemeines anthropologisches Faktum, was nicht im Widerspruch dazu steht, dass es zu seiner Realisierung bestimmte geschichtliche Bedingungen erfüllt sein müssen und bestimmte Umwelteinwirkungen vorhanden sein müssen. Aber es trifft nicht zu, im Gewissen nur die Verinnerlichung äußerer Autoritäten zu sehen. Ein starkes Gewissen steht nie gegen die Forderungen irgendwelcher Mächte im Namen anderer Autoritäten auf, sondern immer im Namen der "Wahrheit" oder "des Rechts". Das weist darauf hin, dass äußere Autorität als solche nie Rechtsgrund des Gewissens ist, auch dann nicht, wenn beide faktisch miteinander übereinstimmen. (S. 445) Die Theorie der Gewissensbildung durch Introjektion erklärt noch nicht die Auswahl der Gewissensinhalte und ihre Normativität. Ungelöst bleibt auch das Problem, dass das Gewissen überall dort, wo es lebendig ist, in einer Unbedingtheit auftritt, die in keinem Verhältnis steht zu seiner faktischen sozialgeschichtlichen Relativität. (S. 446)

Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, dass die Gewissensgehalte sich nicht wie sonstige Lernprozesse im Ich zentrieren und in der konkreten Gewissenserfahrung nicht als "mein" Wissen, sondern als ein Gegenüber erscheinen. Dieses Gegenübersein ist analog einem Verhältnis zweier Partner zu verstehen, die einander verpflichtet sind und sich doch ohne jeden Zwang völlig frei zueinander verhalten. (S. 447) Wo der Mensch seinem Gewissen folgt, da unterwirft er sich nicht einer Autorität und weiß sich nicht gezwungen, sondern vollzieht seine von außen nicht zu fordernde Freiheit. Das Gewissen ist zwar autoritativ, aber nur im Sinne einer auf Grund überlegener Gehalte frei anerkannten Autorität, die keine Macht und keinen Zwang über die Person ausübt. (S. 448) Man kann den Anspruch des Gewissens frei anerkennen, aber man kann ihn ebenso auch abweisen. Die Möglichkeit des Menschen sich zu sich selbst zu erhalten, ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung des Gewissenhabens. Im Hören auf das Gewissen verhalte ich mich nicht nur zu mir selbst, sondern auch zu einer Wirklichkeit, die nicht ich selbst bin. Das Gewissen ist also weder bloßes Selbstbewusstsein noch eine völlig autonome Wesenheit. (S. 449)

Gewissen ist das Bewusstsein einer Wirklichkeit, die ich nicht selbst bin, der ich mich aber verpflichtet weiß. Gewissen ist das Bewusstsein meiner selbst, aber nicht als eines isolierten Wesens, sondern immer schon in Bezug auf eine Wirklichkeit, die mir zugeordnet ist und an der ich verantwortlich teilhabe. Im Gewissen erfahre ich mich eingeordnet in eine mir vorgängige Wirklichkeit außer mir, die ich zwar in Teilen negieren, aber von der ich mich nicht im Ganzen lossagen kann. (S. 450)

Das Gewissen ist nicht autonom in dem Sinne, dass es sein Gesetz in sich trägt und von sich aus das Rechte weiß. Seine wahrhafte Selbständigkeit besteht in der Freiheit des Menschen zur Erkenntnis und Anerkenntnis aller Wirklichkeit. Es bedarf nicht der Autorität, sondern umgekehrt bedarf jede Autorität des Gewissens, wenn sie sich nicht in Zwang verkehren und gegen das Gewissen auftreten soll.

Wo die Wirklichkeit im Gewissen begegnet, hört sie auf unverbindlich zu sein. Und wo das Gewissen einer Wirklichkeit verstummt, da entschwindet diese Wirklichkeit selbst. Der jeden Anspruch von sich weisende Mensch entzieht nicht nur seinem Gewissen, sondern sich selbst die Gehalte seines Lebens und verliert schließlich überhaupt das Gefühl erfüllten Daseins. (S. 452)

Das Gewissen bestimmt also nicht den Inhalt der Pflicht, sondern beurteilt nur mein Verhältnis zu ihr. Ihm ist das Gesetz vorgegeben wie einem Richter. (S. 453)

Das Gewissen treibt den Menschen aus bestehenden Ordnungen hinaus. Das ist der Zukunftsaspekt des Gewissens. (S. 456) Man kann deshalb auch von der "Transmoralität des Gewissens" sprechen. Das Gewissen stellt sich nie gegen die Gemeinschaft im Namen der Person, sondern höchstens im Namen der in dieser Gemeinschaft missachteten Freiheit des Menschen. Deshalb ist es nicht der Feind der Gemeinschaft, sondern Anwalt gegenüber der Verkehrung der menschlichen Ordnung in kollektivem Zwang. (S. 457)

[pt]