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Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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A.F. Schischkin
Das Gewissen (1964)
in: Jürgen Blühdorn (Hrsg.): Das Gewissen in der Diskussion (S. 343ff.)
Darmstadt ( WBG) 1. Aufl. 1976

Der Autor betrachtet das Gewissen von einem marxistischen Standpunkt aus.

Das Gewissen ist ein Ergebnis der historischen Entwicklung in der Klassengesellschaft und bei verschiedenen Klassen verschieden. Die Besitzenden haben ein anderes Gewissen als die Besitzlosen. Das Gewissen der Besitzenden hat seine Grenze im Privateigentum und seinen Privilegien (S. 343) Es tritt in erster Linie als Gefühl oder Bewußtsein der Unrichtigkeit einer vollbrachten Handlung auf, als Gefühl der Scham für eine solche Handlung. Das Schamgefühl war anfangs die Furcht vor der öffentlichen Meinung des Kollektivs. Erst mit der Entwicklung der Persönlichkeit wurden die Voraussetzungen für das Gewissen im Sinne eines inneren Bewußtseins der eigenen moralischen und unmoralischen Handlungen geschaffen. (S. 344)

Das Gewissen ist das Bewußtsein der moralischen Verantwortung des Menschen gegenüber anderen Menschen, der Gesellschaft oder seiner Klasse (S. 345) Der Begriff des Gewissens ist nicht nur auf die Handlungen einzelner Personen anzuwenden, sondern auch auf die Handlungen ganzer Klassen und Parteien. In der bürgerlichen Welt gerät das Gewissen des ehrlichen Menschen ständig in Widerspruch mit seinem Gewissen als Staatsbürger. So muß ein Beamter, um als gewissenhaft zu gelten, die staatlichen Gesetze beachten, ohne sich überhaupt dafür interessieren zu dürfen, ob diese den Interessen der einfachen Menschen nützen oder schaden. (S. 347) Demgegenüber ist das Gewissen des Sowjetmenschen sein Verantwortungsgefühl gegenüber dem Volk. In der sozialistischen Gesellschaft wird "das Gewissen nicht vom Despotismus des Kapitals erstickt", es kennt keine Konflikte mit dem Gesetz. (S. 349) Allgemein gilt: Je größer das Kollektiv, für dessen Schicksal der Mensch sich moralisch verantwortlich fühlt, desto entwickelter ist sein Gewissen (S. 348) Das sozialistische Kollektiv hat einheitliche moralische Ansichten, von denen sich die Ansichten des Einzelnen im Prinzip nicht unterscheiden können. Deshalb gibt es hier keinen Konflikt zwischen Einzelnden und dem Kollektiv. Es ist zwar auch möglich, daß in manchen speziellen Fällen der Einzelnde richtiger denkt als das Kollektiv, aber in der Regel ist es umgekehrt. (S. 350) [pt]