Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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Hans Welzel
Vom irrenden Gewissen. Eine rechtsphilosophische Studie (1949)
in: Jürgen Blühdorn (Hrsg.): Das Gewissen in der Diskussion
Darmstadt ( WBG) 1. Aufl. 1976 S. 50ff

Es gibt Handlungen, die in reinster Gesinnung begangen werden und doch auf ein ethisch nicht zu billigendes Ziel gerichtet sind. Diese Differenz eröffnet die Möglichkeit des Gewissensirrtums. Die sittliche Handlung ist auf eine materiale ethische Ordnung bezogen, welche die Inhalte sittlichen Handelns umspannt. (S. 392)

Man würde Kant gröblich missverstehen, wenn man die von ihm postulierte moralische Selbstgesetzgebung dahin verstehen wollte, als gäbe in ihr der Einzelne in subjektivistischer Willkür sich selbst die Gesetze seines Handelns. (S. 392) Die sittliche Autonomie setzt vielmehr die objektiv-sittliche Ordnung der Dinge bereits voraus. Aber diese Ordnung bleibt in der Autonomie keine fremde, äußerliche Forderung, sondern sie wird vom Willen wegen ihrer sachlichen Gültigkeit als eigenes verpflichtendes Gesetz aufgenommen. Autonomie ist Freiheit in der Bindung, die freie Unterwerfung des Willens unter das Gesetz. Dadurch verschafft sie dem Einzelnen zugleich einen Anteil an der allgemeinen Gesetzgebung und macht ihn zu einem gesetzgebenden Gliede im allgemeinen Reich der Zwecke, d.h. also zum verantwortlichen Mitträger der sittlichen Weltordnung. (S. 393)

Das Problem der kantischen Ethik besteht darin, dass er den Inhalt der objektiven Wertordnung nicht hinreichend bestimmt. Kant stellt darauf ab, dass jedes materiale Interesse eine sittliche Qualität bereits ausschließt, weil es notwendig auf Selbstliebe beruhen muss. Der sittliche Wert liegt deshalb allein in der Reinheit des Willens. (S. 393) Diese Abweisung des Materialen ist für den Gewissensirrtum von schwerwiegender Bedeutung. Denn wo keine materiale sittliche Ordnung mehr vorausgesetzt wird, entfällt die Möglichkeit des Gewissensirrtums. (S. 394)

Kant nimmt grundsätzlich das Gewicht des Materialen in der Ethik zu leicht. (S. 395) Zu sehr ist sein Denken polemisch gegen den ethischen Dogmatismus gerichtet. (S. 396) Immerhin hat Kant aber einem materialen Inhalt absoluten Wert beigemessen: dem Menschen als moralische Person. Denn die Autonomie ist für ihn der Grund der Würde der menschlichen Natur. (S. 397)

Der Kantianismus hat aber selbst diesen materialen Gedanken aufgegeben. So lehnt etwa P. Hensel (Hauptprobleme der Ethik 2. Aufl. S. 55f.) den einzigen materialen Gehalt, an dem Kant noch festgehalten hat, ab. Die Wahrung der Menschenwürde sei ein Stück kasuistischer Erwägung, die er der kantischen Ethik lieber erspart gesehen hätte. Sie sei nur ein Inhalt, den das Pflichtgebot annehmen könne. Hier hat die Ethik wirklich jeden Inhalt verloren. (S. 398)Ein Gewissensirrtum wird so gänzlich unmöglich.

Eine Radikalisierung des Kantischen Ansatzes stellt die Existenzphilosophie dar mit ihrem noch weit über Kant hinausgehenden Versuch, den Menschen von allen objektiven Gehalten unabhängig zu stellen. (S. 401)

Zwar gibt es keine ohne weiteres zugänglichen evidenten Naturrechtssätze, die jeden Irrtum ausschließen. Vielmehr unterliegen alle materialen ethischen Anforderungen dem menschlichen Irrtum. Doch schließt dieser Irrtum nicht ohne weiteres Schuld aus, sondern nur, wenn er trotz hinreichender Gewissensanspannung unvermeidlich war. Voraussetzung für den Gewissensirrtum ist der Bestand materialer ethischer Werte. Diese Voraussetzung muss jede Ethik machen. Im Christentum wird der entscheidende Wert in dem Menschen als zur Selbstbestimmung bestimmtes Wesen erkannt, der aus allen bloßen Objekten herausgehoben und als Person anerkannt ist. Er darf niemals zum bloßen Mittel anderer Menschen benutzt werden. (S. 404) Der Mensch als Person ist der materiale Mindestgehalt jeder Ethik. (S. 405) Maßgeblich für den Begriff des Menschen als Person ist seine Bestimmung zur Autonomie, nicht aber aktuell autonomes Handeln selbst. Darum sind Geisteskranke ebenso Personen wie das Kind, der Bewusstlose oder der Verbrecher. (S.405 Fn. 71)

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