Inhaltsliste
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit
Eine bibliographische Datenbank
herausgegeben von Dr. iur. Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
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Immanuel Kant
Die Metaphysik der Sitten
in: Kant, Werke in zehn Bänden - Band 7
hrsg. v. Wilhelm Weischedel
Darmstadt [Wissenschaftl. Buchgesellschaft] 1983 [1797]

Ebenso wie das sittliche Gefühl ist das Gewissen keine Pflicht, sondern etwas dem Menschen von Natur aus eigenes. Zum Gewissen verpflichtet zu sein würde bedeuten, zur Pflicht verpflichtet zu sein. (S. 531)
Es gibt kein "irrendes" Gewissen. Ein Irrtum ist zwar darüber möglich, ob etwas Pflicht sei oder nicht. Aber daß ich das, was ich für Pflicht halte, vor dem Gewissen geprüft habe, ist irrtumsfrei. Gewissenlosigkeit ist nicht Mangel des Gewissens, sondern der Hang, sich an dessen Urteil nicht zu kehren. Es gibt keine Pflicht nach dem Gewissen zu handeln, weil es andernfalls ein zweites Gewissen geben müßte, um sich des Akts des ersteren bewußt zu werden. Pflicht ist aber, das Gewissen zu kultivieren. (S. 532)
Gewissen ist "das Bewußtsein eines inneren Gerichtshofs im Menschen (vor welchem sich seine Gedanken einander verklagen oder entschuldigen)." Obwohl das Gewissen eine natürliche Anlage eines Individuums ist, sieht sich dieses Individuum doch durch seine Vernunft genötigt, "es als auf Geheiß einer anderen Person zu treiben." Richter und Angeklagter vor dem Gewissen können aber nicht als identisch gedacht werden. (S. 573) Sofern sich das Individuum im Gewissen sowohl als Richter als auch als Angeklagter erfährt, erfährt es sich als "zweifache Persönlichkeit". Das stimmt mit seiner Autonomie und seiner Sinnlichkeit überein. In Hinsicht auf ersteres gibt er sich selbst das Gesetz, dem er in Hinsicht auf das zweite unterworfen ist. (S. 574 Fußnote). Weil der Mensch den Richter in sich als über alles machtvolle Wesen erfährt, muß das Gewissen als subjektives Prinzip einer vor Gott seiner Taten wegen zu leistenden Verantwortung gedacht werden müssen. (S. 574) Daraus folgt nun nicht, daß der Mensch durch die Idee, die sein Gewissen leitet, gezwungen wäre, die Wirklichkeit eines höchsten Wesens (Gottes) außer sich als wirklich anzunehmen, denn sie wird ihm nicht objektiv, sondern bloß subjektiv gegeben. (S. 575)
Das Gewissen erscheint vor der Entscheidung als warnendes, danach als richtendes. (S. 575) Die Lossprechung vor dem Gewissen bringt keine Belohnung mit sich, sondern nur das Frohsein darüber, der Strafe entgangen zu sein. Die Verdammung durch das Gewissen aber bringt Pein mit sich. (S. 576) [pt]